Alzheimer - 100 Jahre Forschung und ein bisschen weiser

Aktuelles aus der Alzheimer Forschung

  • © Nottebrock/Alzheimer Forschung Initiative e. V.© Nottebrock/Alzheimer Forschung Initiative e. V.

Alois Alzheimer lautete der Name des bayerischen Arztes, der der tückischen Hirnleistungsstörung einst seinen Namen gab. Hundert Jahre sind seit seinem Tod vergangen und doch ist das Thema Alzheimer aktueller denn je. Wo stehen wir heute, woran arbeiten wir weiter? Wohin gehen die aktuellen Trends in der Alzheimer-Forschung? Ist am Ende vielleicht doch nur alles eine Frage von Vorbeugung, die die Nachsorge schlägt?

„Die Eigenartige" enthüllt sich nur zögerlich

„Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde", so lautete der Titel seines Vortrags bei der „Tagung Südwestdeutscher Irrenärzte". Damals wohl etwas zu eigenartig für die Kollegen, denn kaum einer der anwesenden Ärzte und Wissenschaftler hatte 1906 Interesse an Dr. Alzheimers Ausführungen. Das von ihm geschilderte Krankheitsbild galt als Rarität, dem nicht viel Bedeutung beigemessen wurde. Erst Jahre später wurde es als Krankheit anerkannt und in die Lehrbücher aufgenommen.

Heute, über hundert Jahre nach der erstmaligen Beschreibung der Alzheimer-Krankheit ist ihr Rätsel noch immer nicht gelöst. Im Gegenteil: In der öffentlichen Wahrnehmung ist aus der einstigen Rarität eine gefürchtete Alterskrankheit geworden, deren Prävalenz zunimmt und die unsere Kassen in Zukunft noch stärker belasten wird. Alzheimer-Experte Prof. Hans Förstl von der TU München schreibt in einem seiner Bücher: „Auch wenn die Krankheit erst seit 30 Jahren wieder im Fokus größerer Aufmerksamkeit steht, gibt es die Demenz schon, seit der Mensch denken kann. Bereits im Altertum sprachen Aristoteles, Cicero und Juvenal über die ‚senile Verblödung‘, die alte Menschen treffen kann".

Wenn es um Alzheimer geht, spricht Förstl daher auch nicht von einer neuen Volkskrankheit, sondern von neuen Lebensumständen, die es heute wahrscheinlicher machen, dass Menschen an einer Demenzform erkranken [1]. Die Fakten sprechen für ihn: Das Thema Alzheimer gewann seit Mitte des letzten Jahrhunderts an Popularität - viel Geist und Geld wurde für die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen aufgewendet. Dennoch mündeten die Forschungsanstrengungen nicht in der ersehnten heilbringenden Antwort.

Manch ein vermeintlicher „Durchbruch" kapitulierte auf dem Weg aus dem Labor zum Menschen, große Alzheimer-Impfstudien der Pharmariesen wurden reihenweise ergebnislos abgebrochen. Umso weniger verwundert der vielgehegte Wunsch nach wirksamer Vorbeugung der Alzheimer-Krankheit.

Hier stehen wir heute: Aktuelles aus der Forschung

Eines haben Gehirne von Alzheimer-Patienten immer gemein. Es lassen sich beta-Amyloid-Ablagerungen in Form von Plaques sowie Tau-Fibrillen im Denkorgan nachweisen, dazu kommt eine Schrumpfung seines Volumens. Spätestens seit der „Nonnenstudie" wissen wir aber auch, dass diese Veränderungen alleine nicht für die kognitiven Defizite der Alzheimer-Patienten verantwortlich sein können.

Durch diese viel zitierte Längsschnittstudie wurde unter anderem gezeigt, dass ausgesuchte Ordensschwestern trotz organisch manifester Alzheimer-Pathologie anspruchsvolle kognitive Aufgaben lösen konnten [2]. Inzwischen spricht man in diesen Fällen von „kognitiver Reserve" - das bedeutet, dass Schädigungen in einer Hirnregion unter bestimmten Bedingungen durch die verstärkte Aktivierung noch gesunder Bereiche ausgeglichen werden können.
Heute forschen Wissenschaftler an Entzündungen, die gemeinsam mit den für Alzheimer typischen Hirnveränderungen beobachtet werden, sowie deren Eindämmung. Sie arbeiten an Methoden, die die Spaltung des Amyloid-Vorläufer-Proteins regulieren sollen und tüfteln an Wirkstoffen, die den Abtransport der toxischen Spaltprodukte günstig beeinflussen könnten. Epigenetische Veränderungen, deren Mechanismen und ihr Einfluss auf den Krankheitsverlauf werden ebenso unter die Lupe genommen wie Gliazellen, die sich im Verlauf der Alzheimer-Krankheit rätselhaft vermehren. Bedeutend ist auch die Forschung an neuronalen Stammzellen, der der Wunsch vorausgeht, dass - ähnlich wie beim Zebrafisch - die Nervenzellen im menschlichen Gehirn einfach nachwachsen könnten.

Wir wissen, dass die Blutzuckerwerte, der Homocysteinspiegel, der Fettstoffwechsel und andere kardiovaskuläre Faktoren Einfluss auf die geistige Gesundheit haben. Vielleicht kommt die Demenz-Behandlung zu spät, wenn die schädlichen Alzheimer-Ablagerungen erst einmal das Gehirn erobert haben? Vielleicht könnten die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, effektiv geschützt werden, bevor ihre Fehlfunktion die Neurodegeneration fördert? Diese Annahme geht dem aktuellen Trend zur Vorbeugung voraus. Forscher fahnden vermehrt nach Lebensstilfaktoren, die das Alzheimer-Risiko reduzieren könnten, um so die Pathologie vielleicht gar nicht erst entstehen zu lassen. Auch die Entwicklung einer Methode zu einer frühen Diagnose, möglichst lange bevor sich die ersten Symptome klinisch manifestieren, spielt hier eine zukunftsträchtige Rolle.

Kognitive Reserven mobilisieren

Wo geistige Untätigkeit ein Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit ist, fördert alles, was neuronale Netzwerke sprießen lässt, die geistige Gesundheit. Heute versuchen Wissenschaftler in Erfahrung zu bringen, welche Gehirnprozesse dieser hilfreichen Reserve konkret unterliegen. Daran arbeitet auch der Münchener Forscher Martin Dichgans von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er setzt am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung auf moderne, kombinierte, bildgebende Verfahren. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) wird bei Patienten im Anfangsstadium der Alzheimer-Krankheit die Gehirnaktivierung während einer Gedächtnisaufgabe gemessen. Zudem werden beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn durch Positronen-Emissions-Tomographie (PET) erfasst. Dieser detaillierte Blick ins Oberstübchen soll zeigen, wie sich die Gehirnaktivität hinter der kognitiven Reserve genau darstellt und ob sie mit einer koordinierten Aktivierung in Netzwerken von bestimmten Gehirnbereichen verbunden ist. Der laterale Temporallappen scheint hier ein aussichtsreicher Kandidat zu sein.

Immer wieder Impfung

Der Göttinger Wissenschaftler Thomas Bayer dagegen hat es auf Oligomere abgesehen. Genauer auf die beiden kurzen beta-Amyloid-Verbindungen A-beta3-42 und A-beta4-42. Bisher entwickelte Alzheimer-Antikörper reagieren nur mit den langkettigen beta-Amyloiden. Doch sind es gerade die beiden kurzen Verbindungen, die schon im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung entstehen und so einen idealen therapeutischen Ansatz bieten, bevor sie sich zu langkettigen beta-Amyloiden zusammenlagern. Die Gruppe um Bayer hat an der Universitätsmedizin Göttingen kürzlich einen neuen Antikörper entwickelt. Er ist der erste, der ausschließlich mit einer der kurzen Formen reagiert. Im Mausmodell soll jetzt durch passive Immunisierung der therapeutische Effekt des neuen Antikörpers erforscht werden. Außerdem soll geklärt werden, welches der beiden kurzen beta-Amyloide bei der Alzheimer-Krankheit die wichtigere Rolle spielt. Gleichzeitig sollen zwei weitere, bereits bekannte Antikörper ähnlicher Struktur, im Vergleich getestet werden. So könnte bereits im Frühstadium der Bildung weiterer Alzheimer-Ablagerungen entgegengewirkt werden.

Huhn oder Ei? Hyperaktive Fresszellen

Bei der Alzheimer-Krankheit kommt es neben den bekannten amyloiden Plaque-Ablagerungen im Gehirn zur Aktivierung der Mikroglia, den zum Immunsystem gehörenden Fresszellen. Ein Team um Olga Garaschuk vom Institut für Physiologie der Eberhard Karls Universität Tübingen konnte im Mausmodell nachweisen, dass insbesondere in der unmittelbaren Umgebung giftiger Amyloid-Plaques die Kalzium-Konzentrationen in Mikroglia und Neuronen krankhaft erhöht sind. Beide Zellarten sind dabei hyperaktiv. Das Forscherteam vermutet, dass diese erhöhte Kalzium-Konzentration in den Mikroglia in mehreren Stufen zur Freisetzung von Interleukin-1 führt. Dieser Botenstoff kann seinerseits neuronale Hyperaktivität und Neurodegeneration auslösen. Im Mausmodell sollen jetzt sowohl der Mechanismus, der zur erhöhten Ausschüttung von Interleukin-1 führt, als auch die weiteren Folgen davon analysiert werden. Zudem soll die Wirksamkeit von Substanzen untersucht werden, die die Freisetzung von Interleukin-1 verhindern können.

Bestechend: Der Biomarker Blut

Bisher gibt es keinen anerkannten Blut-Test zur Alzheimer-Diagnostik, obwohl dieser wesentlich leichter durchzuführen wäre, als der herkömmliche mit Cerebrospinalflüssigkeit. Das Forscherteam um Max Holzer vom Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig konnte zeigen, dass sich Lymphozyten gesunder Menschen bei der Aktivierung im Labor anders verhalten als die von fortgeschrittenen Alzheimer-Patienten. Dieser Test bedarf am Patienten lediglich einer Blutentnahme und beruht auf der mitogenen Aktivierbarkeit von Lymphozyten, die am Durchflusszytophotometer leicht zu bestimmen ist. Die Wissenschaftler haben in den letzten Jahren zahlreiche Blutproben von Menschen im fortgeschrittenen Stadium untersucht. Dabei lag die diagnostische Aussagekraft des Lymphozyten-Aktivierungstests bei mehr als 80%. Es ist noch unklar, ob die mit dieser Untersuchung gemessenen Veränderungen bereits in frühen Stadien der Erkrankung auftreten, und der Test so eine Frühdiagnose ermöglichen könnte. Die Eignung des Tests als Marker zur Frühdiagnose wird derzeit überprüft.

Referenzen
[1] Förstl, H. und Kleinschmidt, C.: Das Anti-Alzheimer-Buch: Ängste, Fakten, Präventionsmöglichkeiten, Kösel-Verlag, 2009, 15f.
[2] Snowdon D.A.: Gerontologist, 37(2), 150-156 (1997)

Kontakt
Christine Kerzel

Leiterin Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaft
Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI)
Düsseldorf

 

Zusatzinformationen
Studien zur Vorbeugung der Alzheimer-Krankheit
: http://www.alzheimer-forschung.de/4520 und http://www.alzheimer-forschung.de/4523
Alzheimer eine dreidimensionale Entdeckungsreise (Video):
http://www.alzheimer-forschung.de/4095

 

Kontaktieren

Alzheimer Forschung Initiative e.V.
Kreuzstr. 34
40210 Düsseldorf
Telefon: +49 211 862066 0
Telefax: +49 211 862066 11

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