Biomimetische Sensoren, die körpereigene Zielstrukturen von Wirkstoffen nutzen, erlauben schnelle, kostengünstige und verlässliche Aussagen über die Affinität und somit die wirksame Konzentrationen eines Wirkstoffes. Neuere Testverfahren simulieren hingegen spätere Schritte der Signaltransduktion und spiegeln somit den Wirkmechanismus einer Substanz wider. Damit lässt sich der Effekt einer Substanz auf das zu beeinflussende System abschätzen. Am Beispiel des Estrogenrezeptors werden zwei derartige Verfahren vorgestellt.
Einleitung
Der Estrogenrezeptor α (ERα) ist ein Transkriptionsfaktor, der als Antwort auf Estrogene die Expression bestimmter Gene modulieren kann. ERα spielt eine wichtige Rolle bei verschiedenen Erkrankungen wie Brust- und Prostatakrebs, Osteoporose und Erkrankungen des kardiovaskulären Systems sowie des zentralen Nervensystems. Somit spielen Agonisten und Antagonisten des Rezeptors, also Moleküle, die den Rezeptor an- oder ausschalten, eine wichtige Rolle in diversen Therapien.
Das Screening nach neuen, selektiveren Wirkstoffen stellt eine große Herausforderung für die Pharmaindustrie dar. Um den Einsatz von ERα in biomimetischen Sensoren zu verstehen, ist die Kenntnis über bestimmte Schlüsselfunktionen des Rezeptors wichtig. ERα verfügt über eine Ligandenbindungsdomäne (LBD), die selektiv das Hormonsignal erkennt und daraufhin eine Konformationsänderung im Rezeptor induziert. Der Rezeptor ist dann in der Lage an andere Proteine zu binden, woraufhin er in den Zellkern transportiert wird und an bestimmte DNA Sequenzen bindet.
Dies führt zur Modulation der Expression verschiedener Gene. In diesem Übersichtsartikel werden zwei Testverfahren vorgestellt, die auf optischen Transduktionsprinzipien beruhen und die LBD als Erkennungsstruktur nutzen. Das erste eignet sich vor allem für das Screening nach neuen Wirkstoffen im Hochdurchsatz, das zweite simuliert die folgenden Schritte in der Signalkaskade und kann damit zu einer zielgerichteten Entwicklung selektiverer Wirkstoffe mit geringeren Nebenwirkungen führen.
Verfahren zum Screening neuer Wirkstoffe
Für das Verfahren zum Screening neuer Wirkstoffe werden fluoreszenzmarkierte ERα-LBDs mit dem Wirkstoff vorinkubiert und anschließend über den mit Estrogen beschichteten Sensorchip geleitet.
Mittels Totaler Interner Reflexions-Fluoreszenz (TIRF) [1] wird die Bindung detektiert. Rezeptoren können nur im Fall einer freien Bindungstasche an die Oberfläche binden. Desweiteren werden nur oberflächengebundene Fluorophore zur Fluoreszenz angeregt. Das erhaltene Signal wird also durch steigende Estrogen-Konzentrationen immer stärker abgeschwächt.
Abbildung 1 stellt diesen Zusammenhang schematisch dar. Dieses Testverfahren wurde ursprünglich für die Analytik von Flusswasser etabliert [2]. Der besondere Vorteil liegt darin, dass sowohl bekannte als auch unbekannte, estrogenartige Substanzen detektiert werden können, für einige Substanzen sogar bis deutlich in den subnanomolaren Bereich. Weiterhin kann das System die Summe der Wirkungen aller enthaltenen Substanzen abschätzen und spiegelt somit die potentielle Beeinflussung des Hormonsystems wider.
Durch die Tatsache, dass mit sehr niedrigen Rezeptorkonzentrationen gearbeitet werden kann, eignet sich das Verfahren auch zur Bestimmung von Affinitätskonstanten. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, spiegelt sich die unterschiedliche Affinität der beiden natürlichen Estrogene Estradiol und Estron in einer Verschiebung des Testmittelpunkts wider. Die Rezeptormoleküle werden durch das speziell entwickelte Markierungsverfahren kaum in ihrer Affinität beeinflusst. Die automatisierte Probenhandhabung durch einen HTS PAL Autosampler garantiert neben einem geringen Arbeitsaufwand auch eine gute Reproduzierbarkeit der Ergebnisse.
Somit ist das Verfahren bestens geeignet, um neue Substanzen auf ihre Affinität hin zu testen. In frühen Phasen der Entwicklung können somit aufwendigere Zellkulturtests umgangen werden.Der größte Nachteil dieses Verfahrens liegt in der Tatsache, dass nicht zwischen Agonisten und Antagonisten unterschieden werden kann. Daher wurde ein weiteres Verfahren entwickelt, mit dem die folgenden Schritte der Signalkaskade nachgebildet wurden.
Verfahren zur Bestimmung des Wirkmechanismus
Der Effekt von Wirkstoffen auf den ER hängt nicht nur davon ab, ob der Wirkstoff an den ER bindet, sondern auch davon, was danach mit dem Rezeptor geschieht. Handelt es sich um einen Wirkstoff mit aktivierender Wirkung (Agonist), bewirkt dieser im ER eine Konformationsänderung, die letztendlich zu einer Antwort der Zelle auf den Wirkstoff führt.
Handelt es sich jedoch um einen Wirkstoff mit desaktivierender Wirkung (Antagonist), so blockiert dieser Wirkstoff die Bindetasche für andere Wirkstoffe, verhindert aber gleichzeitig eine Konformationsänderung des ERs (s. Abb. 3). Als Folge wird die Zelle keine Antwort auf diesen Wirkstoff aussenden. Diese Antagonisten sind von großer Bedeutung, wenn es darum geht, den Estrogensignalweg in Zellen „abzustellen“. Als klassisches Beispiel ist hier die Behandlung von Brustkrebs zu nennen, wobei das Wachstum von Tumoren durch die Gabe dieser antagonistischen Wirkstoffe gehemmt wird.
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