29.11.2013
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Wir hatten fünf Kinder, die Firma war das Erste: Interview mit Roswitha Knauer und Familie

  • Abb. 1: Roswitha Knauer u. Dr. Arne Kusserow im Gespräch, vorne auf dem Tisch eine aktuelle HPLC PumpeAbb. 1: Roswitha Knauer u. Dr. Arne Kusserow im Gespräch, vorne auf dem Tisch eine aktuelle HPLC Pumpe

Hinter Unternehmen stehen Unternehmer. Menschen, die etwas bewegen wollen. Mit Enthusiasmus und unermüdlicher Arbeit hat das Ehepaar Roswitha und Herbert Knauer ein weltweit agierendes Unternehmen gegründet, aufgebaut und durch Höhen und Tiefen geführt. Sie sind bis heute ihrem Unternehmen eng verbunden, obwohl sie die Verantwortung an die nächste Generation (Tochter Alexandra und Dr. Alexander Bünz) weitergegeben haben. Dr. Arne Kusserow führte das Gespräch mit Roswitha Knauer, der treibenden Kraft aus unternehmerischer Sicht. Am Gespräch beteiligt waren auch Herbert und Alexandra Knauer, denn bei der Firma „Wissenschaftliche Gerätebau Dr. Ing. Herbert Knauer“ in Berlin handelt es sich um ein echtes Familienunternehmen.

GIT Labor-Fachzeitschrift: Liebe Frau Knauer, wie begann das alles mit dem Unternehmen?

R. Knauer: Zur Firmengründung, vor genau 51 Jahren, sagte mein Mann, dass der Monat vier Wochen hat. Wir wollten drei Wochen arbeiten und eine Woche feiern. Wir beide stammen aus Beamtenfamilien. Ich wusste gar nicht, was auf uns zukommen würde, wenn wir uns selbständig machen. Ich wollte einfach mal was erleben und was Eigenes aufbauen.
Bis zu meinem 25. Lebensjahr lebte ich in der schwäbischen Kleinstadt Horb am Neckar. Bei uns war nicht viel los, und wir brauchten einfach eine Herausforderung. Mein Mann war am Chemischen Institut der TU Berlin sehr erfolgreich tätig und technisch begabt. Das hat mir gut gefallen. Wir hatten vereinbart, dass ich mich nach der Firmengründung um alle kaufmännischen Belange kümmern werde und mein Mann um die technischen. Wir dachten, wir wären ein sehr gutes Team, und das hat sich auch so ergeben. Die Firma bescherte uns viel Arbeit. Sehr viel mehr, als wir es uns vorstellen konnten.

Dr. H. Knauer: Ich hatte 1961 mein erstes Patent angemeldet, eine automatische Parkleuchte für Fahrzeuge. So etwas gab es damals noch nicht. Das hat die Autoantennen- Firma Poddig für DM 10.000 gekauft und in die Schublade gesteckt.

R. Knauer: Das Geld war eine willkommene Starthilfe.

Mein Mann hat immer zugesehen, wie er mit geringsten Mitteln etwas erreichen kann. Er hat am liebsten alles selbst gemacht, sogar unsere Eheringe. Das war etwas, das am Anfang gut, aber später auch hinderlich war. Wir konnten nicht deligieren. Wir mussten alles selbst machen. Besonders in den ersten Firmenjahren war es richtig, mit sparsamen Mitteln, Osmometer zu produzieren. Hohe Leistung bei geringem Materialeinsatz. Im Juli 1962 zog ich also nach Berlin in eine 2-Zimmer-Wohnung. Mein Mann bekam die Wohnung in letzter Minute. Meine erste Nacht in Berlin verbrachte ich auf der Luftmatratze. Wir kamen von der Hochzeitsreise aus Schweden zurück und waren sehr glücklich. Es war schwierig, damals überhaupt in Berlin eine Wohnung zu finden.

Dr. H. Knauer: Wir mussten verheiratet sein, um einen Wohnberechtigungsschein zu erhalten.

R. Knauer: Wir kauften nur wenige Möbel, da wir nur ein Jahr in Berlin bleiben wollten. Ich konnte mir nicht vorstellen, in dieser, von einer Mauer umgebenen Stadt zu wohnen. Als ich meinen Mann 1961 kennenlernte, war ich von Berlin begeistert. Deswegen hatte ich entschieden, nach Berlin zu ziehen. Dann wurde die Mauer gebaut. Das war einfach nur Horror.
Ab 1. Januar 1963 waren wir dann selbständig – ohne Gehalt. Wir hatten zwar Ersparnisse aus meiner sechsjährigen Exporttätigkeit bei der Firma Ledermann & Co und über das Geld vom Verkauf des Patentes, aber das waren keine riesigen Summen.
Das Unternehmen wuchs, die Wohnung nicht. Als das dritte Kind (Alexandra) zur Welt kam, zogen Familie und Firma nach Zehlendorf in unser eigenes großes Zweifamilienhaus mit 150 m2 Arbeitsfläche. Das Grundstück war sehr günstig. Ein Mitschüler meines Mannes hatte eine Baufirma, die das Haus baute. Die Decken waren ein bisschen schief. Aber es war groß, und wir konnten es uns leisten. Im Januar 1970 kam unser viertes Kind auf die Welt. Das Unternehmen wuchs weiter. Mit ca. 20 Mitarbeitern wurde es bald auch dort zu eng.

Dr. H. Knauer: Unser Haus steht in einem Wohngebiet. Es war verboten, ein lautes Gewerbe in der Straße zu betreiben.

R. Knauer: Wir haben die Nachbarinnen als Löterinnen eingestellt. Keiner hat sich beschwert. Wir hatten zwar Drehmaschinen im Keller, aber das hat niemanden gestört. Im Haus wohnten auch Herberts Mutter und Großmutter. Also vier Generationen unter einem Dach und dazu die Firma. Für mich war das gut. Ich hatte ein Büro und konnte die Treppe hoch in die Kinderzimmer gehen, um schnell nach dem Rechten zu sehen. Kurze Wege also. Die Betriebsversammlungen fanden im Wohnzimmer statt. 1973 kam die Idee mit dem HPLC-Geschäft: Das ist die Zukunft, jetzt wagen wir mal was, haben wir gesagt. Etwas ganz Großes. Und das hat sich als gut erwiesen. Wir brauchten wegen der Kinder ein Grundstück in Laufnähe. Es gelang uns, ein 5000 m2 großes Grundstück zu kaufen, auf dem sich bis heute unser Produktionsgebäude befindet. Der Bürgermeister hier in Zehlendorf war uns immer wohlgesonnen. Er war froh, als wir in einem Gewerbegebiet in Zehlendorf bauten, das Gebäude war in einer Rekordzeit von neun Monaten fertiggestellt.

Dr. H. Knauer: Das Gebäude haben wir ohne echten Architekten gebaut. Es reichte aus, den Architekturstudenten, der die Pläne beim Bauamt einreichte, nach aufgewendeten Stunden zu bezahlen. Der Baufirma haben wir gesagt: Baut ein Haus, wie ihr es für euch selbst bauen würdet. Der Architektur- Student durfte sagen, wo die Toiletten hinkommen. Das Gebäude wurde von der Firma Dyckerhoff sehr gut geplant und errichtet.

R. Knauer: Die einzige Fehlplanung war eine Rampe, die viel zu steil ausgefallen ist. Eine Rasenmäher kriegen wir noch raus, größere Dinge nicht.

GIT: Das Gebäude steht seit fast 40 Jahren, und heute arbeiten hier 125 Mitarbeiter. Da haben Sie den zukünftigen Bedarf gut eingeschätzt.

R. Knauer: Richtig. Mutig hatten wir damals sehr groß gebaut: 1500 m2 pro Etage. Es war zum Beispiel eine gute Entscheidung, im Firmengebäude auch drei Gästeappartements einzubauen. Speziell nach der Wende freuten sich Kunden aus den Ostblockländern, bei uns kostenlos einige Tage zu wohnen.

Dr. H. Knauer: Meine Frau hatte 1974 die eigene Baufirma „Wirtschaftsplan“ gegründet.

R. Knauer: Ja, diese erledigte den Innenausbau unseres Firmengebäudes. Viele Maler und Tischler standen auf der Lohnliste. Am Abend musste ich die Baulöhne errechnen, Aufträge für Baumaterialien erteilen und Überweisungen tätigen. Das war meine schwerste Zeit. Wenn ich da nicht mehr konnte und dann noch diese Baulisten ausrechnen musste. Och, nee! Aber durch die eigene Baufirma ergab sich eine Ersparnis von DM 1.000.000 gegenüber den Angeboten von Fremdfirmen.

GIT: Womit machen Sie sich eine Freude? Wann immer ich Sie treffe, sind Sie sehr schön gekleidet.

R. Knauer: Das kam eigentlich erst später. Als ich so 50 Jahre alt war. Da dachte ich mir, jetzt höre ich auf zu sparen. Wenn es Kleider gab, dann immer die billigsten. Irgendwann hab ich gesagt: Schluss, jetzt kaufe ich, was mir Spaß macht und genieße es. Ich genieße es noch heute, mindestens einmal im Monat einige Stunden im KaDeWe zu verbringen und dort nach Herzenslust einzukaufen. Seit 25 Jahren fahre ich freitags zur Sauna und Massage nach Steglitz. Dabei habe ich das schöne Gefühl, etwas nur für mich zu tun. Ich hatte früher oft ein schlechtes Gewissen und die Sorge, dass meine vier Kinder zu kurz kamen, nachdem die Firma aus dem Wohnhaus in das Produktionsgebäude gezogen war. Selbst in Pausen und im Urlaub übersetzte ich Gebrauchsanleitungen ins Französische, um nicht das Gefühl zu haben, Zeit zu verschwenden. Ich habe immer versucht, es beiden recht zu machen, Firma und Familie.

GIT: Sie sind wohl sehr gut organisiert?

R. Knauer: Das war ein Lernprozess. Ich habe viele Aufgaben mit Fleiß erledigen müssen, die Andere mit Talent hinbekommen. Vor meiner Heirat hatte ich beispielsweise keine Ahnung von Osmometern. Ich ließ mir das Prinzip erklären. Dann haben mein Mann und ich Prospekte entworfen und Gebrauchsanleitungen erstellt.
Ich möchte auch über die Vorteile reden, die sich durch die Firma ergaben. Es bereitete mir viel Freude, die Welt zu bereisen. Wir haben viele Messen weltweit besucht und interessante Kunden in ihren Laboratorien getroffen. Es war zwar immer ein riesiger Stress vor einer Messe, aber Spass hat es trotzdem gemacht.

Dr. H. Knauer: Vor einer Reise hat meine Frau alle Unterlagen des betreffenden Landes herausgesucht und durchgearbeitet. Alle Kunden und die Vertriebsmitarbeiter noch mal nachgesehen, die Vorgänge kopiert und Besuchstermine vereinbart.

R. Knauer: Ich habe ein gutes Gedächtnis, und es macht mir viel Spaß, auch auf Französisch, Spanisch und Englisch mit den Menschen zu sprechen. Das war auch für die Kunden sehr wichtig. Auf einer Messe fragte mich ein Besucher einmal, ob er mich einstellen könne. Mein Mann antwortete spontan: „Nein, das geht nicht, wir sind verheiratet“. Wir beide traten immer zusammen auf, sozusagen als Markenzeichen. 1992 fuhr ich aus gesundheitlichen Gründen einmal nicht mit zur Pittcon. Danach sagte mein Mann, die Leute hätten gar nicht nach den Geräten gefragt, sie haben sich alle nur nach mir erkundigt.

GIT: Das Unternehmen hat sich gut entwickelt, wie man am heutigen Erfolg der Firma Knauer unter der Leitung Ihrer Tochter Alexandra sehen kann. Trotzdem gab es gewiss auch Tiefen auf Ihrem Weg ...

R. Knauer: Ja, die gab es. Wir haben immer in Berlin produziert. Unsere Zuverlässigkeit war anerkannt, gerade im Osten. Dort waren unsere Hauptabsatzmärkte, schon durch die Berliner Lage. Mit der Wende blieben plötzlich die Aufträge aus. Nicht einmal Ersatz- Deuteriumlampen wurden noch gekauft. Es galt, neue Märkte zu erschließen. Auch mussten wir die HPLC-Geräte modernisieren. Es wurde eine schlagkräftigere Mannschaft gebraucht. Die hatten wir aber nicht so schnell beisammen, da wurde es ganz schön eng. Ein Retter in der Not war 1994 Herr Rittgerodt aus Darmstadt, mit besonderen Stärken im Marketing und im Vertrieb. Er besuchte uns und sah die neuesten Geräte, die mein Mann in der Entwicklung hatte. Er fand das sehr gut und sagte, dass er gerne zu uns kommen würde. Er nahm die Arbeit bei uns auf und brachte später als Geschäftsführer neuen Schwung in die Firma.
Trotzdem mussten wir viel privates Vermögen in die Firma einbringen, um über die Runden zu kommen. Unser Steuerberater meinte in der schlechten Zeit nach der Wende, man solle nicht sein ganzes privates Geld in die Firma stecken. Wir hingen aber sehr am Unternehmen und den Mitarbeitern. Die Firma war unser erstes Kind. Und Kinder verkauft man auch nicht. Wir erhielten aus Amerika und Schweden immer wieder interessante Übernahmeangebote. Ich habe sie alle abgelehnt. Wir sind immer standhaft geblieben. Leider muss ich zugeben, dass wir für die Firma oft mehr Zeit aufgewendet haben als für die Kinder.

GIT: Wenn ich die Erfolge Ihrer Tochter betrachte, hatte das offenbar keine Auswirkungen.

R. Knauer: Aber ich kam oft erst nach 22 Uhr abends nach Hause. Es war schwer, alles in Einklang zu bringen. Meine Kinder hatten das große Glück, dass eine liebevolle Oma im Haus für sie sorgte.
Wir sind unserer Tochter Alexandra sehr dankbar dafür, dass sie im Jahr 2000 die Firma und die volle Verantwortung als alleinige Eigentümerin übernahm. Sie leitet die Firma zusammen mit Herrn Dr. Alexander Bünz mit großem Elan und Engagement. Darüber sind wir sehr glücklich. Um die Dankbarkeit zu zeigen, unterstütze ich sie noch heute und arbeite täglich ein paar Stunden mit.

A. Knauer: Ich schätze ihren Rat und unser gutes Verhältnis. Wir kennen uns und wissen um unsere Stärken und Schwächen.

R. Knauer: Wir ergänzen uns sehr gut. Alexandra selbst und die Firma haben Preise und Auszeichnungen bekommen. Ich bin unheimlich stolz auf meine Tochter. Oft ist es so, dass Kinder Dinge später anders machen als ihre Eltern. Alexandra reserviert für Familie und Hobbies mehr Zeit als ich damals.

A. Knauer: Das ist richtig. Das Wochenende gehört meinem Mann und meinen zwei munteren Kindern. Melina ist 11 Jahre alt und Lukas 13. Wir kochen und backen gerne zusammen und genießen unseren Garten.

GIT: Haben Sie die Firma langsam übernommen oder mit einem Ruck?

A. Knauer: Das war ein relativ langer und fließender Übergang. Ich hatte Betriebswirtschaft an der FU Berlin studiert und Berufserfahrung bei einer Tochterfirma der Berliner Bank gesammelt. 1994 dann, damals 28 Jahre alt, wollte ich herausfinden, ob ich im Unternehmen Knauer etwas bewegen kann. Der Erfolg kam nicht über Nacht, aber viele Veränderungen und Maßnahmen brachten über die Zeit steigende Umsätze.

R. Knauer: Heute ist meine Tochter eine Unternehmerin aus Leidenschaft. Sie engagiert sich auch gesellschaftlich und ist ehrenamtlich in mehreren Kuratorien, Lenkungsausschüssen und Beiräten tätig. Worauf wir sehr stolz sind, ist das soziale Engagement, das Alexandra und Herr Dr. Bünz in der Firma eingeführt haben. Das Betriebsklima ist sehr gut. Wir haben kaum Fluktuation. Herr Dr. Bünz ist ein sehr engagierter Innovationspromotor, der bewusst Regelbrüche im Sinne des Fortschritts fördert. Ich glaube, dass die beiden Geschäftsführer weiter erfolgreich sein werden, denn die Chemie zwischen ihnen stimmt. Ich finde es auch wichtig, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, wenn es einem gut geht. Moralische Werte sind uns wichtig, deshalb wird die Firma nach christlichen Prinzipien geführt.

A. Knauer: Ich habe das übernommen. Ich schlafe gerne gut und will keine Leichen im Keller haben.

Kontakt
Oliver Gültzow
Dr. Ing. H. Knauer GmbH
Berlin
Tel.: 030/809727-0
Fax: 030/8015010
gueltzow@knauer.net
www.knauer.net

Kontaktieren

Wissenschaftliche Gerätebau Dr. Ing. Herbert Knauer GmbH
Hegauer Weg 38
14163 Berlin
Germany
Telefon: +49 30 80 9727 0
Telefax: +49 30 80 15010

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