Nachhaltigkeitszertifizierung für Laborgebäude

Marketing oder Mehrwert

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Vielfach wird mit der Nachhaltigkeit von Produkten und Prozessen geworben. Oft wird dies jedoch nur zur Imagepflege genutzt. Auch die nachhaltige Zertifizierung von Gebäuden steht im Verdacht nur ein solches Marketinginstrument zu sein.

Der Eindruck wird durch die Suche nach den billigsten LEEDS-Punkten verstärkt. Das Zertifizierungssystem für Laborgebäude der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (dgnb) bzw. Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude (BNB) ist nach der Pilotphase als Bewertungssystem etabliert und für verschiedene Laborgebäude angewandt worden. Ist es eine Plakette für das Gebäude oder ein Mehrwert für den Bauherrn und die Gebäudenutzer?

Laborgebäude

Die Zertifizierung für Laborgebäude ist eine besondere Herausforderung. Oft unterscheidet sich der Anteil der Laborflächen im Verhältnis zu anderen Nutzungen (Büro/Seminar) von Gebäude zu Gebäude erheblich. Der Laboranteil kann von < 10% bis 100% schwanken. Der Energieverbrauch von- und der technische Aufwand für Büro- und Laborflächen sind nicht vergleichbar. Auch die verschiedenen Laborflächen sind sehr unterschiedlich. Die Investitions- und Betriebskosten für Reinräume oder Tierhaltungen sind mehr als dreimal so hoch wie für einfache Labore. Die Technik in Laborgebäuden dient der Laborfunktion und gewährleistet den notwendigen Schutz der Mitarbeiter und der Umwelt. Die Lüftung in Laborgebäuden ist keine Komfortfrage, sondern eine sicherheitstechnische Notwendigkeit.

Nachhaltigkeit bedeutet den sparsamen Einsatz von Ressourcen, um eine Aufgabe bzw. ein Ziel zu erreichen. Im Laborgebäude ist die Definition der Aufgabe, z. B. in Form einer Bedarfsermittlung, die wichtigste Grundlage für die Nachhaltigkeit. Es ist weder nachhaltig ein für die Aufgabe bezüglich Fläche oder technischer Ausrüstung überdimensioniertes Gebäude zu bauen, noch ein Gebäude, das die Anforderungen nicht erfüllt. Allerdings sollte die Nachrüstung und Umrüstung möglich sein. Insbesondere sind die sicherheitstechnischen Anforderungen für die Aufgabe festzulegen. Einsparungen bei der Investition oder bei den Betriebskosten zu Lasten der Arbeitssicherheit ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit.

Planung

Aus diesem Grunde ist für die Zertifizierung von Laborgebäuden ein Sicherheits- und Betriebskonzept unerlässlich.

In diesen Dokumenten werden die Labortätigkeiten definiert und auf der Basis der rechtlichen Grundlagen die Anforderungen für den Arbeitsschutz festgelegt. Für die Zertifizierung wird ein virtuelles Laborgebäude erstellt, das auf dem Raumprogramm des realen Gebäudes mit allen gesetzlichen Mindestanforderungen aufbaut. Das reale Gebäude wird planerisch optimiert, z. B. werden variable Laborabzüge eingebaut, woraus sich reduzierte Betriebskosten ergeben. Die Verbesserung des realen Gebäudes zum virtuellen Gebäude wird für die Nachhaltigkeitszertifizierung bewertet.

Im Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen wird mit 10% die Prozessqualität bewertet. Damit sind nicht die Prozesse im Labor gemeint, sondern der Planungs- bzw. Bauprozess. Komplexe Gebäude, wie Labor- und Forschungsgebäude, erfordern ein integrales Planungsteam mit spezifischer Projekterfahrung, wobei auch der Bauherr und der Nutzer Teil des Teams sind. Derartige Gebäude sind Unikate und Antworten auf spezifische Anforderungen. Sie können deshalb nicht mit Standards und Standardfestlegungen geplant und realisiert werden. Die Methodik des Planungsprozesses kann standardisiert werden, nicht jedoch die Ergebnisse.

Die Fähigkeiten des integralen Planungsteams sind eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine gelungene Umsetzung des Baus eines Forschungsgebäudes. Das integrale Planungsteam besteht mindestens aus Architekt, Laborplaner, technische Gebäudeausrüstung und Tragwerksplanung. Das Planungsteam benötigt besondere Fähigkeiten in der Erfassung der Aufgabenstellung und der konzeptionellen Arbeitsweise. Die Bewältigung von interdisziplinären Aufgaben und das Erarbeiten von projektspezifischen Lösungen sind weitere ausschlaggebende Anforderungen an die Fachplaner für ein nachhaltiges Gebäude. Der Planungsablauf im Projekt ist ein iterativer Prozess, der eine inhaltliche und kontroverse Auseinandersetzung erforderlich macht. Variantenbetrachtungen aller Gewerke und Priorisierung im Sinne der Projektziele sind die wichtigsten Schritte im Ringen um ein Optimum und um ein nachhaltiges Gebäude.

Umsetzung

In der Ausschreibung werden die Anforderungen für die Materialien definiert und ausführende Firmen ausgewählt, die das Laborgebäude im Sinne der Nachhaltigkeit bauen. Ein nachhaltiges Gebäude sollte auch in der Bauphase sinnvoll mit den Ressourcen umgehen und die Belastung für die Umwelt reduzieren. Dies spiegelt sich in den Forderungen nach staubarmen und lärmreduzierten Baustellen wieder. Der wesentlichste Schritt ist die Inbetriebnahme. Was nützt eine nachhaltige Planung, wenn der Betreiber das Gebäude nicht optimal führt? Im Bewertungssystem für nachhaltiges Bauen ist deshalb eine erweiterte Inbetriebnahme bis 15 Monate nach dem Einzug gefordert.

Qualitäten

Die vier Säulen der Nachhaltigkeit sind die ökologische Qualität (Ökobilanz, Schadstoffe, Primärenergie, Flächenverbrauch), die ökonomische Qualität (Lebenszykluskosten, Flächeneffizienz, Umnutzung), die soziokulturelle und funktionale Qualität (Komfort, Sicherheit, Barrierefreiheit, Kunst & Gestaltung, Außenraum) und die technische Qualität (TGA Qualität, Flexibilität, Instandhaltung, Schallschutz, Rückbau). Alle Qualitäten werden jeweils mit 22,5% gewertet. Es ist vom System nicht möglich und nicht gewollt, dass überall die maximale Punktzahl erreicht wird. Die Betonung einer Qualität reduziert automatisch eine andere. Zum Beispiel erhöht eine maximale Anforderung an die ökologische oder technische Qualität die Kosten, so dass die ökonomische Qualität sich verschlechtert. Das System fordert die Ausrichtung am Optimum für das Projekt und nicht am Maximum der Punktzahl. Die ausgewogene Betrachtung der Kosten, der Technik, des Betriebes und des Wohlfühlens der Mitarbeiter ist das Geheimnis einer nachhaltigen Planung. Die schlechteste Bewertung bestimmt das Zertifizierungsergebnis, da die Gesamtbewertung nur eine Bewertung besser sein kann als die schlechteste Bewertung.

Das Zertifizierungssystem (dgnb/ BNB) für Laborgebäude ist eine Messlatte für ein gutes Laborgebäude. Die richtige Anwendung schafft eine Qualitätssicherung für Planungsinhalte, die optimierte Umsetzung, Dokumentation der Materialien und der systematischen Inbetriebnahme. Die zusätzlichen Aufwendungen wie z. B. das Sicherheits- und Betriebskonzept, Simulationen, die Prüfung der Ausschreibungen und die erweiterte Inbetriebnahme verbessern die Qualität des Laborgebäudes und werden nicht für die Plakette erbracht. Der Zertifizierungsprozess ist jedoch erforderlich, um nicht nur Bekenntnisse im Projekt zu erhalten, sondern die nachgewiesene Umsetzung der Festlegungen zu gewährleisten.
Die Erfahrung aus erfolgreich zertifizierten Laborgebäuden zeigt, dass nachhaltiges Planen eine Grundeinstellung und ein Ringen um die optimierte Lösung erfordert. Die vollständige Anwendung des Zertifizierungssystems für Laborgebäude schafft bessere Gebäude. Teure Laborgebäude sind nicht nachhaltig.

Autor
Christoph Heinekamp

Kontakt  
Dr. Christoph Heinekamp
Dr. Heinekamp Labor- und Institutsplanung GmbH
Karlsfeld, Deutschland
heinekamp@heinekamp.com

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Dr. Heinekamp Labor- und Institutsplanung GmbH
Gaußstraße 12
85757 Karlsfeld
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