Bedenken aus dem Kellerloch

Vorwort zur GIT Labor-Fachzeitschrift 03/2019

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In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ entwickelte Kant die seinerzeit bahnbrechende Theorie, dergemäß das menschliche Handeln durch Aufklärung und Bildung dahingehend beeinflusst werden kann, dass es, ohne einen äußeren Zwang, im Einklang mit dem Gesetz steht. Voraussetzung dafür sei, dass der vernunftbegabte Mensch aus freiem Willen heraus nach der Maxime handle, von der er wolle, „dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ [1]. Schiller bezeichnete in Anlehnung daran ein solches Wesen als „Schöne Seele“, deren auf das eigene Wohl bedachte Verhalten, von ihm selbst unbemerkt, in völligem Einklang mit den Regeln der Gemeinschaft ist [2]. Demzufolge profitiert unter dieser Bedingung die Gesellschaft davon, dass jedes Individuum zu seinem durch Verstandesgebrauch ermittelten, persönlichen Wohl handelt.

Übersetzt auf Probleme der heutigen Zeit würde dies beispielsweise bedeuten, dass allein das Wissen, wie sehr die eigene Gesundheit von der Fahrradfahrt zur Arbeitsstelle profitiert, genügen müsste, um den Menschen dazu zu bewegen, das Auto stehen zu lassen. Unsere dann hochreine Atemluft könnten wir uns für zielführendere Debatten als die nicht enden wollende um den Diesel sparen. Die gesundheitlichen Risiken zu hohen Fleisch- und damit Antibiotikakonsums wurden in zahlreichen Studien aufgezeigt. Wird weniger Fleisch verzehrt, sichert eine Erhöhung der Qualität zum Wohle von Mensch und Tier auch die Existenz derjenigen Landwirtinnen und Landwirte, die einer Anpassung willens und fähig sind. Schwieriger wird es in Fällen, bei denen kein direkter Zusammenhang zwischen dem Handeln eines Individuums und den damit einhergehenden Vorteilen für dieses besteht. So führen der Umstieg auf das Rad oder der maßvolle Verzehr qualitativ hochwertigen Fleisches auch dann zur Verbesserung des eigenen Wohlbefindens, wenn der Rest der Gesellschaft sein Verhalten nicht anpasst. Dagegen bewirkt der Verzicht auf Wegwerfplastik nicht, dass die eigenen Lebensmittel kunststofffrei sind.

Auch etwa 250 Jahre nach Kant müssen wir jedoch feststellen, dass das menschliche Handeln selbst in (vermeintlich) einfacheren Fällen wie den beiden erstgenannten nicht dieser Kausalität unterliegt.

Einen simplen wie ernüchternden Grund hierfür liefert Fjodor Dostojewski in seinen „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ [3]. Darin spottet er über all die schönen Theorien „der werten Herren“, die in ihren Abhandlungen zur Verbesserung der Menschheit den seiner Meinung nach wichtigsten Punkt, dem das Handeln auch der allervernünftigsten Menschen unterliegt, außer Acht lassen. Es ist der Drang des Menschen, die Existenz seines freien Willens sich selbst und seinem Umfeld spürbar zu machen. Und spürbar werde er eben dann besonders, wenn eine Person wider ihres besseren Wissens handele, was, wie im zweiten Teil von Dostojewskis Novelle eindrucksvoll dargestellt, bis hin zu selbstzerstörerischen Handlungen führen kann.

Auch wenn es in unserer Gesellschaft im Mittel weniger drastisch zugeht, sind Dostojewskis Bedenken nicht von der Hand zu weisen. Ein Musterbeispiel hierfür ist die vielbemühte Liebe der Deutschen zum Auto, das als Inbegriff der persönlichen Freiheit betrachtet wird. Zu großer Empörung führt die bloße Erwähnung von Reizwörtern wie Tempolimit, Fahrverbot und autofreie Innenstädte, vernünftige Diskussionen sind kaum möglich. Wenn die Aufklärung über alle bekannten Risiken zu keiner Verhaltensänderung führt, was bleibt dann außer Verboten? Kein demokratisch denkender Mensch sollte auch nur erwägen, diese Freiheit eines jeden Menschen im Rahmen geltender Gesetze auch nur anzutasten. Doch eben dieser Rahmen muss Gegenstand andauernder, auf die aktuelle Situation abgestimmten Diskussionen sein.

Dr. Christina Poggel

 

Literatur

[1] Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781); ISBN: 9780140447477.

[2] Friedrich Schiller: Über Anmut und Würde (1793); ISBN: 9781533295910.

[3]: Fjodor Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864); ISBN: 9783150080214.

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