DEAL

Vorwort der GIT Labor-Fachzeitschrift (Februar 2019)

  • Die Einigung zwischen Wiley und dem Deal-Konsortium wurde im Januar verkündet. Bild: Sarah Waverka/Shutterstock.Die Einigung zwischen Wiley und dem Deal-Konsortium wurde im Januar verkündet. Bild: Sarah Waverka/Shutterstock.

Als einen „Paukenschlag für die Forschung“ bezeichnet das Handelsblatt die im Januar dieses Jahres verkündete Einigung zwischen dem bestehenden Deal-Konsortium und Wiley [1]. Dieser Ausdruck ist keine Übertreibung, denn der zunächst auf drei Jahre angelegte Vertrag zwischen der Vereinigung aus fast 700 akademischen Einrichtungen in Deutschland und einem der drei größten Wissenschaftsverlage der Welt bedeutet einen entscheidenden Schritt hin zur Ablösung des umstrittenen Subskriptionsmodells.

An dessen Stelle tritt nun das Prinzip „Publish-and-Read“, das nicht nur allen Mitgliedern der im Projekt Deal vereinigten Institutionen nach wie vor Zugang zu allen Wiley-Publikationen sichert, sondern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse als Open Access-Artikel bei Wiley ermöglicht.

Unausweichlich war dieser Schritt angesichts des von dreizehn europäischen Forschungsförderungsorganisationen beschlossenen Plan S, dessen Beschlüsse ab dem 1. Januar 2020 in Kraft treten sollen. Denn dieser sieht für alle wissenschaftlichen Artikel zu durch nationale und europäische Forschungsförderer finanzierten Forschungsergebnissen vor, dass sie frei zugänglich gemacht werden. Die angestrebte Idee der „Open Science“, der für alle zugänglichen Wissenschaft, soll in entsprechenden Open-Access-Zeitschriften realisiert werden.

Den Entwicklern und Verfechtern des Plan S stehen unter anderem in Gestalt der Gesellschaft deutscher Chemiker auch Kritiker dieses Konzeptes gegenüber. Diese sehen die Handlungsfreiheit der Forschenden beschränkt, wenn die Verpflichtung zur Open-Access-Veröffentlichung die Auswahl möglicher Fachzeitschriften stark eingrenzt [2].

Sehr harte Auflagen, die der Plan S beinhaltet, konnten im nun unterzeichneten Vertrag zu Kompromissen aufgeweicht werden. So gelten die ursprünglich von dem Zusammenschluss europäischer Förderer nicht akzeptierten Wiley-Hybridjournale, also Zeitschriften, die Autorinnen und Autoren vor die Wahl zwischen Open Access- und Standardveröffentlichungen stellen, nun als Plan S-konform [3]. Entspannung zeichnet sich ab, zumindest den ersten Wissenschaftsverlag betreffend, der eine Einigung erzielen konnte.

Was folgt nun, in den drei Jahren, in denen dieses laut Professor Horst Hippler, Leiter des Projekts Deal, „revolutionäre“ Modell getestet wird? Auch wenn das „Publish-and-Read“-Modell, bei dem der Verlag pro veröffentlichtem Artikel bezahlt wird, bereits mit den Niederlanden, den meisten akademischen Instituten in Österreich sowie einzelnen US-Institutionen wie den National Institutes of Health vereinbart wurde, kommen viele Fragen auf. Wie können Verzerrungen bei der Beurteilung von Forschungsarbeiten deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verhindert werden? Werden deutsche Forschende, die in Wiley-Journalen veröffentlichen, nun gar zur Quotenfrau der Wissenschaft abgestempelt und im Peer-Review-Prozess möglicherweise überkompensatorisch benachteligt? Diese Fragen sind wichtig und müssen ernst genommen werden. Nicht vergessen werden darf dabei aber die Tatsache, dass der Finanzierung von Forschung durch Statten oder auch Partner aus der Industrie niemals frei von Verzerrungen sein kann. Welche Projekte werden bevorzugt gefördert? Wer schreibt vor, was „Hip-Themen“ sind und der Gesellschaft den größten Nutzen bringen? Ist die Bewilligung von Fördergeldern in Abhängigkeit vom Hirschfaktor einer Forscherin oder eines Forschers gerecht? Wer kann heute beurteilen, welche Forschungsfelder und Technologien nicht nur kurz- und mittelfristig, sondern auf lange Frist die Welt verbessern können? Und nun die neuerliche Frage, ob Regierungen durch das Open Access-System sogar noch mehr Kontrolle darüber erhalten, welche Projekte förderungswürdig sind und welche nicht? Alle diese Fragen bestehen nicht erst seit Verkündung der Einigung, sondern beschäftigen die Wissenschaft, seitdem sie nicht mehr nur Wissen, sondern auch praktische Vorteile schaffen soll.

Die getroffene Vereinbarung birgt Stolpersteine. Wenn sie nicht nur dazu dient, das Verhältnis zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und den Verlagen zu entspannen (und Entspannung war und ist dringend geboten, wie Anschuldigungen und Blockaden demonstrieren), sondern auch grundlegende Fragen zur Fairness der Förderung wissenschaftlicher Projekte aufwirft, wird sie über die deutschen Instituten und dort tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie den Verlagen hinaus Nutzen bringen.

Alles in allem stehen uns im Verlag und in der Wissenschaftsgemeinschaft insgesamt wohl drei spannende, anspruchsvolle und vielversprechende Jahre bevor, in denen der Weg zu einer offenen Wissenschaft eingeschlagen und Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Dr. Christina Poggel

Redakteurin

 

Literatur:

[1] Barbara Gillmann: Kooperation ermöglicht freien Zugang zu wissenschaftlichen Texten, Handelsblatt online (2019); zuletzt abgerufen am 14.02.2019.

[2] Stellungnahme der Gesellschaft Deutscher Chemiker zu Plan S; zuletzt abgerufen am 14.02.2019.

[3] Weitere Informationen zu Plan S: https://www.coalition-s.org, zuletzt abgerufen am 14.02.2019.

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