Editorial April 2014: Guten Appetit

So lässt sich der englische Begriff „food-fraud" übersetzen. Gemeint sind Fälle, in denen in der Produktion von Lebensmitteln Stoffe oder Methoden eingesetzt wurden, die den geltenden Vorgaben widersprechen, um mit geringerem Aufwand und niedrigeren Kosten die Marge zu erhöhen. Meist werden einzelne Bestandteile eines Lebensmittels durch billigere und minderwertige ersetzt. Wie leider in der näheren Vergangenheit immer wieder geschehen, kommen dabei auch Menschen zu Schaden.

Dies belegt vor allem Eines. Der Name „Lebensmittelbetrug" ist eine Verniedlichung. Die Definition von Betrug besagt, dass es sich um ein reines Vermögensdelikt handelt, bei dem nur materieller Schaden ensteht. Das Inkaufnehmen von Verletzten oder Toten bei Handlungen ist laut Strafrecht ein Straftatbestand, der zumindest eine Körperverletzung oder einen versuchten Totschlag, gegebenenfalls mit Todesfolge, darstellt. Steht ein niedriger Beweggrund, zum Beispiel Geldgier, im Raum, kann es sich sogar um Mord handeln. Es geht also um ein Kapitalverbrechen, nicht um ein Vermögensdelikt. Kapitalverbrechen heißen solche Taten übrigens, weil man zu früheren Zeiten die Täter um einen Kopf kürzer gemacht hat. Kapital wird hier von dem Lateinischen Wort „Caput", also Kopf, abgeleitet.

Um der Schwere der Delikte gerecht zu werden, führt Chris Elliott, Leiter der Gruppe „Food Safety and Microbiology" an der Queen‘s den Begriff „Food-Crime" ein, der die Auswirkungen mancher Lebensmittelskandale deutlich besser beschreibt. In einer Studie über die Rechtschaffenheit und Sicherheit der Nahrungsmittel in Großbritannien, deren Zwischenbericht 2013 veröffentlicht wurde, gibt der Lebensmittelspezialist einen Überblick über die Wege, die Nahrungsmittel und deren Bestandteile um die ganze Welt nehmen und inwieweit die derzeitigen Gesetzeslagen und Regulierungen in der Lage sind, die Verbraucher vor wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden zu schützen.

Der Gesamtumsatz des Nahrungsmittelmarktes in Europa wird auf ca. 1 Billion Euro pro Jahr geschätzt. Kriminalität in diesem Sektor ist also äußerst lukrativ. Nichts mehr zu essen ist schließlich keine Alternative. Durch Erhebungen im Rahmen des Pferdefleischskandals 2012 wurde festgestellt, dass europaweit etwa 4 % aller getesteten Produkte illegalerweise Pferdefleisch enthielten.

Leider muss davon ausgegangen werden, dass bei anderen Lebensmitteln, unabhängig davon, ob sie Fleisch enthalten oder nicht, ähnliche Verhältnisse vorliegen. Befürchtet man weiterhin, dass in den getesteten Nahrungsmitteln noch andere, nicht legale Bestandteile vorhanden sein können, muss man den Umfang der Lebensmittelkriminalität noch deutlich höher schätzen.

Beim derzeitig äußerst bescheidenen Stand der Erkenntnisse sieht Elliott nicht einmal eine klare Antwort auf die Frage, ob es sich um organisiertes Verbrechen oder um Einzeltäter handelt. Er stellt fest, dass es keine wirksamen Kontrollsysteme gibt. Wenn zufällig doch einmal ein solches Verbrechen aufgedeckt wird, findet keine wirksame Strafverfolgung statt. Da die Kriminellen vermutlich das Fehlen eines umfassenden Ansatzes zur Bekämpfung ausnutzen, schlägt er ein systematisches Vorgehen vor, um das Ausmaß der Lebensmittelkriminalität zu verringern.

Arne Kusserow
Chefredakteur
arne.kusserow@wiley.com

 

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