Editorial Januar 2014: Wer vorne sein will, darf nicht hinterherlaufen

Kommt es nur mir so vor oder erleben Sie es ebenso? Häufig wenn ich nach den Gründen für eine bestimmte Entscheidung frage, bekomme ich zur Antwort, dass „man" das eben so macht und dass es alle so machen. Dabei fällt mir auf, dass das Wort „man" auffällig oft verwendet wird. Auch wenn es eigentlich um die eigene Person oder Meinung geht. Bei beiden Punkten glaube ich, dass es im Wesentlichen darum geht, nicht persönlich für etwas verantwortlich gemacht zu werden. „Man" heißt schließlich nicht „ich". Führen kann man aber nur, wenn man vorne ist und Entscheidungen trifft. Verantwortung übernehmen heißt, die Konsequenzen für diese Entscheidungen zu tragen, unabhängig davon, ob die Entscheidungen richtig waren oder falsch.

In der Laborbranche gibt es eine Reihe von Unternehmen, die ganz bewusst anders agieren als „die anderen", denn wenn man andere kopiert, kann man nicht ganz vorne sein.

Insbesondere der unternehmerische Mittelstand verlässt oft äußerst erfolgreich die von Großkonzernen ausgetretenen Pfade. Ein Beispiel ist die Firma Metrohm AG in Herisau in der Schweiz. Moment, war nicht vom unternehmerischen Mittelstand die Rede und nicht von Aktiengesellschaften? Richtig, der Gründer des Unternehmens, Berthold Suhner, wollte sicherstellen, dass seine persönliche Philosophie der Verantwortung geschützt wird und verließ bei diesem Ansatz die ausgetretenen Pfade. Schon das Grundkonzept dieser Aktiengesellschaft widerspricht den gängigen Klischees. Oft wird behauptet, eine Aktiengesellschaft habe nur den Zweck, den Reichtum seiner Anteilseigner zu mehren. Diese AG hat nur einen Anteilseigner, die angegliederte Stiftung. Diese wiederum stellt über ein unabhängiges Gremium die Erfüllung ihrer eigenen Verantwortung sicher, nämlich die Vertretung der Interessen der Kunden, den Mitarbeitern und der Heimatregion des Unternehmens. Schlüssel zur Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, ist, nach Auffassung des Firmengründers, die Unabhängigkeit. Daher hat sich die Firma nie in die finanzielle Abhängigkeit von Banken oder Investoren begeben. Die Bildung von entsprechenden Rücklagen ermöglichte das Verhalten in der Weltwirtschaftskrise von 2008. Statt, wie alle andern, reflexartig Leute zu entlassen, die Kommunikation einzustellen und somit zuerst einmal am Wachstumspotential zu sparen, handelte man in Herisau nach leider längst vergessenen Grundregeln der Betriebswirtschaftslehre, nämlich antizyklisch.

Die Gelegenheit wurde genutzt, um neue Betriebsanlagen zu bauen. Die Handwerker und Bauunternehmen der Region waren froh, in den schweren Zeiten Aufträge zu erhalten, und lieferten prompt und zuverlässig. Fachpersonal wurde gezielt gesucht und eingestellt. Als die Krise zu Ende ging, war die Firma voll einsatzbereit und nutzte das anspringende Geschäft um seinen ärgsten Wettbewerbern Marktanteile abzunehmen, zweistellige Zuwachsraten sind die Folge. Auch verlässt man sich nicht auf Zulieferer. Fertigungstiefe ist Programm, Outsourcing findet nicht satt. Stattdessen will man die Technologien beherrschen. Auch Patente interessieren nicht. Man verlässt sich auf Vorsprung durch Forschung und Entwicklung. Falls es einem Wettbewerber gelingt, die Technologie zu kopieren, bringt man einen optimierten Nachfolger heraus. Auch bei der Lagerhaltung handelt man bewusst gegen alle Trends. Alle Ersatzteile, auch für ältere Geräte hat man parat. Hat ein Kunde ein Problem, wird es sofort gelöst, kein Teil muss bestellt werden, kein längst vergessener OEM Lieferant muss kontaktiert werden. Wäre trotzdem einmal aus irgendeinem Grund ein Teil nicht vorhanden, ist dies kein Problem, dann fertigt man es selbst.

Ob ein Unternehmen sich an den Kosten der Gesellschaft beteiligt oder nur von ihr profitieren möchte, liegt wohl nicht an der Gesellschaftsform des Unternehmens, sondern an den Unternehmern die sie gründen oder leiten. Ebenso verhält es sich mit langfristigem wirtschaftlichen Erfolg: Wer sich immer an den anderen orientiert, kann nur Mittelmaß sein.

Hat Ihr Unternehmen auch die ausgetretenen Pfade verlassen? Dann würde ich mich sehr freuen, wenn sie mich kontaktieren.

Ein erfolgreiches Jahr wünscht,

Dr. Arne Kusserow
Chefredakteur
arne.kusserow@wiley.com

 

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