Editorial Juli 2013: Was bedeutet Fachkräftemangel?

Wir haben in Deutschland kaum Rohstoffe, die wir konkurrenzfähig am Markt anbieten können. Zum Glück, würde ich sagen. Lässt man Rohöl mit seiner ganz besonderen Stellung am Markt einmal außer Acht, ist die Wertschöpfung, die man mit dem Verkauf von Rohstoffen erreichen kann, gering. Daher resultiert der Wohlstand in Deutschland aus der Wertschöpfung, die durch die Veredlung von Rohstoffen bis zum fertigen Endprodukt entsteht. Müssten wir in Deutschland die Kosten der Gesellschaft aus Rohstoffverkäufen generieren, wären wir ein armes Land.

Je mehr Alleinstellungsmerkmale ein Endprodukt aufweist, desto höher sind Marge und Gewinn. Das Entscheidende beim Generieren von Alleinstellungsmerkmalen ist, neben einem gewissen Maß an Kreativität, vor allem technische Expertise, also letztendlich die Qualität der Ausbildung. Deutschland ist weltweit hochanerkannt, wenn es um die Qualität der Ausbildung, der „Erzeugung" von Fachkräften, geht. Umso dümmer erscheint es mir, wenn wir an der Qualität der Ausbildung „sparen" wollen, sei es bei Kindergärten, Schulen oder Hochschulen.

Deutschland befindet sich mit anderen Volkswirtschaften in Konkurrenz um die besten Fachkräfte. Durch die Tatsache, dass die Gehälter in Deutschland niedriger sind, wandern insbesondere die Spitzenleute bereits heute vermehrt ins Ausland ab. Erschwerend kommt die hohe Abgabenlast auf Gehälter in Deutschland hinzu (Ø 52 % laut OECD Studie). Obendrauf kommt noch die Mehrwertsteuer, die weitere 19 % der Kaufkraft von Nettogehältern auffrisst, denn die meisten Arbeitnehmer müssen ihr gesamtes Gehalt für den Konsum aufwenden.

Die Konkurrenz um Fachkräfte am Arbeitsmarkt wird härter werden. Zieht man die demografische Situation der weltweit stärksten Wirtschaftsmacht, China, ins Kalkül (0,8 Kinder / Frau: Deutschland 1,3 Kinder / Frau), kann man davon ausgehen, dass die Abwanderung von Fachkräften auch nach Fernost kräftig steigen wird.

Was bedeutet das auf der Ebene der Unternehmen? Im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, können Unternehmen statistisch betrachtet dann bessere Alleinstellungsmerkmale als die Konkurrenz erreichen, wenn sie im Mittel das bessere Personal in Entwicklung, Produktion, Service und Vertrieb haben.

Es ist demzufolge für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens essentiell, möglichst gute Mitarbeiter zu finden und vor allem auch zu halten. Diese bleiben dann im Unternehmen, wenn sie sich wohl fühlen. Inzwischen hat man festgestellt, wie wichtig die Betriebszugehörigkeitsdauer für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens ist. Sie ist ein Maß für die sogenannte „Arbeitszufriedenheit" und damit für die Motivationslage der Arbeitnehmer. Die Wichtigkeit der Arbeitszufriedenheit belegt das ifaa Trendbarometer, das kürzlich zum zweiten Mal in Folge diesen Wert als den wichtigsten Punkt für Arbeitnehmer beschrieb.

Viele Unternehmen des Mittelstandes in Deutschland haben die wachsende Konkurrenz um Fachkräfte schon lange in entsprechende Maßnahmen umgesetzt. Neben Gehaltsverbesserungen wünschen sich Arbeitnehmer ein gewisses Maß an Respekt vor dem Menschen selbst und der erbrachten Leistung, ein gewisses Maß an Information und an Sicherheit.

Wer gerne zur Arbeit geht, wird auch die besseren Leistungen erbringen. Wer sich permanent ausgebeutet fühlt, wird das Unternehmen bei der nächsten Gelegenheit verlassen. Die Zeiten, in denen diese Gelegenheit aufgrund der Lage am Arbeitsmarkt selten ist, gehen zumindest für Fachkräfte gerade dem Ende entgegen. Insbesondere diejenigen Arbeitnehmer, die schnell aufgrund einer besseren Bezahlung in ein anderes Unternehmen wechseln, werden auch dieses schnell wieder verlassen, wenn sie noch mehr geboten bekommen. Wenn Sie Unternehmer sind, sollten Sie sich jetzt um Spitzenfachkräfte auf dem Arbeitsmarkt bewerben, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Herzlich willkommen in der Marktwirtschaft!

Wie wichtig es für den Fortbestand eines Unternehmens ist, gutes Personal zu haben, ist aber leider immer noch nicht allen Managern klar. Vor einigen Jahren wurde das Wort „Humankapital" zum Unwort des Jahres gewählt. Dies verursachte eine Welle der Entrüstung bei Wirtschaftswissenschaftlern. Das Credo dort war, der Begriff sei doch positiv gemeint. Eine Stimme meinte, der Jury fehlte offensichtlich der ökonomische Sachverstand. Mir scheint, manchem Ökonom fehlt der sprachliche Sachverstand, von menschlichem ganz zu Schweigen.

Dr. Arne Kusserow
Chefredakteur
arne.kusserow@wiley.com

 

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