Editorial März 2013: Vom Leben und Sterben im Biofilm

Das Leben auf der Erde besiedelt nur eine wenige Meter dicke Schicht. In diesem Bereich, den man im Vergleich zu astronomischen Abmessungen als Biofilm bezeichnen muss, geht es, bei ca. zwei Millionen Tierarten, entsprechend eng zu. Alle Spezies sind daher mit einem vielschichtigen Netz an Abhängigkeiten und Verbindungen miteinander verknüpft. Um das Überleben des einen Individuums zu sichern, müssen andere sterben. Viele Spezies ernähren sich ausschließlich davon, Mitglieder anderer Spezies oder auch der eigenen zu verspeisen. Lediglich Pflanzen wandeln durch Sonnenenergie Wasser und CO2 in Zucker um. Andere Organismen ernähren sich direkt oder indirekt von Pflanzen und Algen. Das bedeutet, dass wir nur durch ständigen Verzehr unserer Mitlebewesen überleben können. Daher empfinde ich es auch nicht als unmoralisch, neben Pflanzen auch Tiere zu essen. Da Pflanzen, ebenso wie Tiere, Verletzungen wahrnehmen, darauf reagieren und sich ihren Artgenossen mitteilen, halte ich es auch für problematisch hier wesentliche Unterschiede zwischen Pflanzen und Tieren zu machen.

Hielte ich den Verzehr von Tieren für unmoralisch, würde ich damit auch alle räuberisch lebenden Mitlebewesen der Unmoral bezichtigen. Auch wenn es, neben dem Verzehr, einen anderen schwerwiegenden Grund gibt, ein zu Tier töten, halte ich es nicht für unmoralisch. Ich halte es jedoch für unmoralisch dies ohne einen schwerwiegenden Grund zu tun. Beispielsweise betrachte ich Versuche, die dabei helfen eine Erkrankung des Menschen besser zu verstehen und somit die Grundlagen für eine Heilung zukünftiger Generationen zu schaffen, für einen solchen schwerwiegenden Grund. Darüber hinaus, halte ich es für unmoralisch, diese zukünftigen Menschen hilflos zu lassen indem ich Experimente, die mir oder anderen dabei helfen die Erkrankung besser zu verstehen, nicht durchführe.

In der Konsequenz bin ich damit Befürworter von Tierversuchen. Allerdings ist es, sowohl hinsichtlich der Qualität der Experimente und damit auch der Ergebnisse, zwingend notwendig eine, so weitgehend wie möglich, artgerechte Umgebung anzubieten. Indikatoren hierfür können aber keine menschlichen Maßstäbe sein, sondern die des Versuchstieres.

Wenn es diesem sichtlich gut geht, es also gesund ist, frisst und nicht früher als die Artgenossen in der Natur stirbt, dann wird es in meinen Augen artgerecht gehalten.

Bei der Nutzung der Maus (Mus musculus) als Versuchstier sind Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und eine ausgewogene Kost wichtig um eine artgerechte Haltung zu gewährleisten (s. Seite 182). Ob allerdings die Maus als Modellorganismus für Säugetiere und insbesondere den Menschen geeignet ist, ist eine ganz andere Frage. Insbesondere bei der Erforschung von Erkrankungen des Menschen wird die Maus häufig eingesetzt (s. Seite 157). Unter den Säugetieren ist die Maus jedoch in vielen Aspekten sehr verschieden von anderen Spezies. Gerade auf genetischer Ebene ist das vermutlich der extrem kurzen Reproduktionszeit geschuldet. Ein Phänomen, dem wir auch bei zwei weiteren zentral wichtigen „Modell"-Organsimen (Drosophila melanogaster, Caenorhabditis elegans) gegenüber stehen. Leider hat die sehr häufige Verwendung dieser Organismen bei Fragestellungen für die sie nicht modellhaft sind, schon für viele Fehlinterpretation gesorgt. Die Korrektur ist oft viel aufwändiger als die Erstellung der ursprünglichen These. Meiner Meinung nach kann man als Modellorganismus nur Organismen wählen, die zweifelsfrei modellhaft für die zu beantwortende Frage stehen können. Auf keinen Fall sollte man einen Organismus verwenden, nur weil er leicht verfügbar und billig zu halten ist.

Viel Spielraum, ob man einen möglichen Vorteil zu Überleben nutzt oder darauf verzichtet, gibt es in unserem dünnen Biofilm allerdings nicht. Spezies, die nicht jeden sich ergebenden Vorteil nutzen können, haben schlechte Prognosen was das Überleben ihrer Art angeht.

Dr. Arne Kusserow
Chefredakteur
arne.kusserow@wiley.com

 

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