Editorial September 2013: Handwerk hat goldenen Boden

Das ist ein altes Sprichwort und bezieht sich darauf, dass letztendlich jeder darauf angewiesen ist, dass nach den Regeln der handwerklichen Kunst gearbeitet wird. Der Handwerker lässt sich das in der Regel gut bezahlen. Wer ein Haus oder ein Auto besitzt, weiß was ich meine.

Obwohl die Handwerker sich auch heute gut bezahlen lassen, wird die Gegenleistung hierfür manchmal nicht mehr erbracht. In der Ausbildung wird die in die Tiefe gehende Kenntnis nicht mehr vermittelt. Detailkenntnisse sind dem ständigen Wunsch, Menschen möglichst jung ins Berufsleben zu bekommen, also die Ausbildung zu verkürzen, allzu oft zum Opfer gefallen. Fahren Sie mit Ihrem Auto in die Werkstatt, wird der Mechatroniker dort ein Diagnosegerät anschließen und die als defekt beschriebene Komponente gegen ein Neuteil tauschen. Die Kenntnis, wie das Bauteil aufgebaut ist, welche Komponenten es hat und wie diese zusammenarbeiten, ist zum Austauschen des Teils nicht notwendig und wird daher in der Ausbildung nicht mehr vermittelt. Dieser Trend ist bei allen Berufen bemerkbar. Auch in der Ausbildung zum (chemisch-, biologisch-, pharmazeutisch-) technischen Assistenten wird Grundlagenwissen, wie beispielsweise eine Phenol-Chloroform-Extraktion von DNAs, nicht mehr gelehrt. Lieber wird die Verwendung eines Kits vorgeführt. Was aber, wenn kein Kit zur Verfügung steht, oder die verfügbaren Kits nicht zu der Aufgabe passen? Sie werden trotzdem verwendet, denn es besteht ja keine Alternative. Die Folge ist, wie auch beim Auto, eine ständig sinkende Qualität der erbrachten Leistung. Dies können wir eventuell bei einem Auto noch verkraften, hier kostet es nur Geld. Was aber wenn das Laborpersonal nicht mehr weiß, wie eine pH Elektrode kalibriert und gewartet wird? Ich fürchte dieses Detail wird oft als „nicht so wichtig" eingestuft. Die Folge für die Aussagekraft von wissenschaftlichen Arbeiten möchte ich mir gar nicht ausmalen.

Wir laufen also Gefahr, basale Kenntnisse, die für ein erfolgreiches Arbeiten im Forschungslabor absolut unverzichtbar sind, zu verlieren. Im Studium ist das schon vor langer Zeit passiert. Technische Assistenzen, die in Ihrer Ausbildung noch ihr „Handwerk" nach allen Regeln der Kunst gelernt haben, konnten das Fehlen dieser Kenntnisse bei Studenten oft kompensieren.

In meiner Zeit im Universitätslabor, war ich allerdings der Letzte, der noch wusste, wie man das pH-Meter kalibriert, unserer TA sei Dank. Das Gleiche galt auch für die Wartung meines Pipettensatzes und viele andere Techniken.

Die Beobachtung, dass unser „Handwerk" verloren zu gehen droht, mache nicht nur ich. Immer öfter werden wir von Verbänden, Firmen, Berufsschulen und Universitäten darauf angesprochen, ob wir als Verlag an dieser Stelle nicht einen Beitrag leisten können und wollen. Das wollen wir. Daher publizieren wir in dieser Ausgabe zum ersten Mal das GIT-Laborbuch (S. 546). Mit dieser Rubrik wollen wir nach und nach die grundlegenden Techniken im Labor in einfacher und praxisbezogener Art und Weise vorstellen und so ein Sammelwerk erstellen. Das GIT-Laborbuch können Sie auf unserer online-Plattform www.git-labor.de jeweils mit dem Erscheinen einer neuen Ausgabe herunterladen.

Da wir in der Redaktion der GIT-Labor-Fachzeitschrift zwar alle erfolgreich ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen haben aber nicht mehr in Laboren arbeiten, sind wir hier auf Ihre Mitarbeit angewiesen. Arbeiten Sie im Labor oder als Produktmanager? Dann kennen Sie die Tricks und Kniffe, die wir brauchen. Bitte schicken Sie uns Vorschläge und Techniken, von denen Sie glauben, dass sie zu verschwinden drohen. Wissenschaft ist nicht durch das Drücken eines einzelnen Knopfes realisierbar. Wenn wir unser Handwerk nicht mehr beherrschen, gibt es keinen Grund, uns gut zu bezahlen. Somit zögen wir uns unseren eigenen „goldenen Boden" unter den Füßen weg.

Dr. Arne Kusserow
Chefredakteur
arne.kusserow@wiley.com

 

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