Forever young

Vorwort zur GIT Labor-Fachzeitschrift 06/2019

Den Tod so lange es nur geht hinauszuzögern und wenn möglich sogar zu überwinden ist ein lang gehegter, aber kontrovers diskutierter Menschheitstraum. Die Reaktion war vorhersehbar, als ein biopharmazeutisches Unternehmen aus dem Silicon Valley behauptete, einen großen Schritt zur Entdeckung des „Jungbrunnens“ gegangen zu sein. Genauer ist den Forschenden, laut eigener Aussagen, im Rahmen einer Studie (Zeit Online berichtete am 12.06.2019 darüber) mit neun männlichen Probanden die Verringerung deren biologischen Alters um etwa zwei Jahre gelungen. Bewirkt haben soll dies eine Kombination etablierter Medikamente, die im Zusammenspiel die Thymusdrüse - bei Erwachsenen ein fast nur noch aus Fettgewebe bestehendes Organ - zu einem gewissen Grade zu regenerieren. Auf diese Weise sollte im Zuge der Studie erreicht werden, dass das Organ auch über das sechzigste Lebensjahr hinweg Immunzellen zur Verfügung stellt, deren Fehlen ab diesem Alter die Wahrscheinlichkeit zur Ausbildung von Infekten und Autoimmunerkrankungen deutlich erhöht. Was der Biotech-Firma in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aber nun gelungen sein soll, geht weit über das ursprüngliche Ziel hinaus.

Wieder einmal sorgt also eine bahnbrechende medizinische Errungenschaft für größtmögliche Aufmerksamkeit - noch bevor sich ihre Richtigkeit durch die Prüfung der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Form einer Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift verifizieren lassen konnte. Diese Tatsache lässt an den Skandal an der heidelberger Hochschule denken (siehe auch das Vorwort der GIT 5/2019), in der sich ein bereits kurz vor Markteinführung angepriesener Bluttest zur Brustkrebserkennung als nicht existent erwiesen hatte. Ist der zeitliche und damit finanzielle Druck auf Forschende so groß, eine Entdeckung schon dann an die Öffentlichkeit zu kommunizieren, bevor Peer-review-Prozesse und weitere Studien durchgeführt werden können?

Ein solches Vorgehen löst in der Wissenschaft, die nicht nur durch hetzende Staatsoberhäupte, sondern ganz besonders auch durch selbstproduzierte Skandale um ihr Vertrauen durch die Bevölkerung fürchten muss, große Sorgnis aus.

Was also sollte man aus Sicht der Wissenschaft hoffen? Sollte sich die hier beschriebene Entwicklung als korrekt erweisen, wäre kein neuerlicher Eklat zu befürchten. Sollte es stimmen, dass die menschliche Lebensspanne um einige Jahre und in den nächsten Schritten gar um Jahrzehnte verlängert werden können, müssten gänzlich andere Diskussionen geführt werden. Die Folgen einer solchen Technologie in den Händen einer in diesen Belangen, dem Umgang mit einer so weitreichenden Entwicklung, erwiesenermaßen unvernünftigen Spezies, könnte verheerende Folgen haben. Ob die Behauptungen der Forschenden tatsächlich der Prüfung der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Form eines Peer-review-Prozesses standhalten wird oder ob es, wie zuletzt im Fall des Skandals an der Universität Heidelberg um Bluttests für die Brustkrebserkennung, eine große Ernüchterung eintritt, bleibt abzuwarten. Denn eben diese Kontrolle steht aus, zudem ist die Anzahl der Teilnehmer und die Beschränkung auf nur männliche Probanden kritisch zu hinterfragen.

 

Dr. Christina Poggel

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