Genies zweier Planeten?

Vorwort zu GIT Labor-Fachzeitschrift GIT10/2018

Bereits viele Kinder beziehen unbewusst Position. Die einen sind lieber im Wald, entdecken die Tiere und Pflanzen oder der Chemie-Baukasten ist ihr größtes Hobby. Die anderen lesen Bücher und haben ein großes Verständnis für Sprachen. Häufig bleibt diese Differenz auch später in den Köpfen verankert. Entweder mögen wir die Naturwissenschaften oder die Geisteswissenschaften. Doch gibt es eine derartige Trennschärfe tatsächlich? Interessieren wir uns wirklich ausschließlich für eine der beiden Wissenschaften? Oder gibt es Schnittstellen, die sogar größer sind als erwartet?

In der Forschung steht unabhängig der wissenschaftlichen Disziplin der Untersuchungsgegenstand im Zentrum, doch der Blickwinkel kann erheblich variieren.  Der Homo Sapiens als Beispiel: Ein Naturwissenschaftlicher ordnet ihn der Systematik folgend den Primaten zu und die Anatomie teilt er grob in Kopf, Rumpf und Extremitäten. Der Geisteswissenschaftler hingegen legt den Fokus darauf, dass es sich um ein verstandsmäßiges, soziales und kulturfähiges Lebewesen handelt. Die Beschreibungen sind unterschiedlich, doch das Beschriebene ist de facto das gleiche. Die Bundeszentrale für politische Bildung postuliert, dass beide Wissenschaften ein Produkt der Kultur sind: „Menschliches Verhalten ist biologisch bedingt, die Ausprägung stellt jedoch eine Kulturleistung dar“ [1]. Folglich sind sich beide Wissenschaften ähnlicher als manch einer denkt.  Das Erlernen der Sprache und das Ausbilden von Verhaltensmustern gehört zu den biologischen Fähigkeiten, der Gebrauch ist kulturell bedingt. Somit gibt es hier schon die erste Schnittstelle.

Seit Jahrhunderten ist es das Ziel der Menschheit, ihr Wissen möglichst genau zu tradieren. Diese herausragende Stellung macht es zu einem der wertvollsten Güter überhaupt. Egal, ob es um Eigenschaften, Funktionen oder Verbindungen naturwissenschaftlicher Vorgänge oder um Sprachen und Kulturen verschiedener Nationen geht, die Sprache selbst ist das geeignetste Medium, das Erforschte zu vermitteln. Bereits in der Steinzeit machten sich die Menschen das ihnen zur Verfügung stehende zu eigen, um zu kommunizieren. Dienten Höhlen oder Schieferplatten als Schreibunterlage, so entwickelte sich das Werkzeug recht schnell über Papyrus bis zum heutigen Papier.

Und auch wenn neuerdings durch die Digitalisierung noch ein weiteres Medium hinzukam, ist die Weitergabe von Wissen nichts Neues. Und das eine würde ohne das andere nur schwer funktionieren. Aber gleich, ob die Tradierung auf Oralität oder aber auf Literalität beruht, erst das Zusammenspiel beider Komponenten ermöglicht die Entwicklung der Forschung.

Untersuchen wir nun einmal die Disziplinen im Detail, stellen wir sehr schnell fest, dass sich ein Sprachwissenschaftler nicht alleine den Geisteswissenschaften bedient. Führt er zum Beispiel im Rahmen der Phonetik eine Sprachschallanalyse durch, so bedient er sich Instrumenten der Physik. Schauen wir hingegen auf die synchrone und diachrone Sprachentwicklung, so sind vor allem bei letzterem Faktoren anderer Forschungsbereiche relevant. Die genannten Fächer Physik und Biologie tauchen nicht nur im sprachwissenschaftlichen Forschungsbereich auf, auch andere geisteswissenschaftliche Bereiche sind maßgeblich vom Einfluss der Naturwissenschaften betroffen. Die Soziologie beispielsweise wäre ohne die Forschung zur Evolutionslehre oder gar den Kulturwissenschaften nicht existent.
Doch auch umgekehrt profitieren die Wissenschaften voneinander. So basieren vor allem die ‘Theoretischen’ Fachbereiche auf geistiger Kompetenz. Entgegen der vielfach vertretenen Vorstellung „Da gibt es nur richtig und falsch“ kann man Theorien und Hypothesen aber eben nicht nur verifizieren oder falsifizieren, sondern auch Bedingungen aufstellen. Doch ohne exakte Aufzeichnungen könnten diese erst gar nicht dokumentiert werden. So sind auch in der Chemie Protokolle Grundlage jeder Versuchsreihe.

Es sind nicht die Wissenschaften im Einzelnen, sondern die Schnittmengen der Disziplinen, die sie erst zu dem machen was sie sind. Die Grenzen sind keine Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, sondern es sind Anknüpfungspunkte, die etwas bewegen.Egal ob es um Versuche und das Aufstellen von Theorien oder aber um Kulturforschung und Sprachentwicklung geht, ohne das Zusammenspiel mehrerer Blickwinkel würde kein Gesamtbild entstehen. Und wenn die Forschung dieses nicht zulassen wollen würde, wäre die Erde heute wohl noch eine Scheibe.
Für mich haben sich nun auch beide Wissenschaften vereint. Denn seit September dieses Jahres kann ich mein Germanistikstudium in einem naturwissenschaftlichen Verlag anwenden. Ich freue mich, dass ich meine Faszination für Wissenschaftskommunikation im Team der GIT Labor-Fachzeitschrift einbringen darf.

Corinna Herbst
Redaktionsassistenz

 

Referenzen:
http://www.bpb.de/apuz/30124/schnittstellen-zwischen-geistes-und-naturwissenschaften?p=all (zuletzt abgerufen: 25.09.2018)

 

 

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