Meilenstolpersteine

Vorwort zur GIT Labor-Fachzeitschrift 05/2019

Dass in der Kommunikation wissenschaftlicher Errungenschaften der eine oder andere Superlativ seinen Weg aus der Originalveröffentlichung auch in die dazu publizierte Pressemitteilung findet, ist nichts Neues. So wird aus einer interessanten Entdeckung schnell ein den Boden bisherigen Kenntnisstandes durchbrechener Meilenstein, der, auch wenn er noch meilenweit entfernt von der tatsächlichen Nutzbarmachung liegt, unter Garantie das Leben eines jeden Menschen nachhaltig verbessern wird. Es ist nicht nur eine gefühlte Wahrheit, dass die Verwendung von Übertreibungen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen in jüngerer Zeit deutlich, nämlich laut einer Studie von S. L. Scott und C. W. Jones um unglaubliche 880 Prozent in den letzten 40 Jahren, zugenommen hat. Der Druck auf Forschende, sich gegen ihre Konkurrenz um Fördermittel durchzusetzen, ist spürbar gewachsen. Beeinflusst dadurch wird nicht nur die Sprache, sondern auch die thematische Ausrichtung von Forschungsprojekten hin zu (vermeintlich) gesellschaftsrelevanten Fragestellungen.

Eine neue Dimension, man könnte auch, nach bestem Wissen der Autorin, von einer nie dagewesenen sprechen, hatte dagegen die im Februar 2019 veröffentlichte Mitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg, in der die Entwicklung eines Bluttests zur Brustkrebserkennung verkündet wurde. Mit diesem Test sollte der Weg zu nicht-invasiver Krebsdiagnostik nicht nur geebnet werden – die Autorinnen und Autoren behaupteten sogar, dieses „innovative Liquid-Biopsy-Verfahren“ bis September dieses Jahres auf den Markt bringen zu können. Natürlich wurde diese Sensationsmeldung, an die verständlicherweise sehr große Hoffnungen geknüpft worden sind, in den Medien gefeiert. Sie verbreitete sich rasend schnell über den gesamten Globus hinweg, genau so, wie es in den kühnsten Träumen wohl jedes Forschenden mit einem ganz großen Durchbruch passiert. Diese Euphorie war jedoch nur von kurzer Dauer und umso drastischer fielen die Reaktionen der Presseorgane und der Öffentlichkeit aus, als nach und nach klar wurde, dass der Wahrheitsgehalt dieser Pressemitteilung gegen Null geht. Erst Ende Mai 2019 wurde bekannt, dass nicht einmal ein Prototyp dieses angeblich kurz vor seiner Markteinführung stehenden Tests existiert.

An dieser Stelle darf man wohl getrost auf Wörter wie beispiellos oder erschütternd zur Beschreibung dieser Vorgänge zurückgreifen, ohne dass der Vorwurf der Übertreibung aufkommen könnte.

Dieser Wissenschaftsskandal, dessen Aufklärung zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Textes wohl bei weitem noch nicht abgeschlossen ist, lässt an die Affäre um den Geschichtenerzähler Relotius denken. So wie diese einen Angriff auf den gesamten Stand der Journalisten und deren Berufsehre bedeutete, schädigt eine solche Falschmeldung nicht nur den Ruf der renommierten Universität Heidelberg (von den Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Angehörigen ganz zu schweigen). Vielmehr stellt er die Glaubwürdigkeit der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft in Frage. So berechtigt und wichtig das Hinterfragen von Forschungsergebnissen ist, besteht dadurch mitunter die Gefahr, nicht nur Skeptiker auf den Plan zu rufen. Genau die, die gerne von Lügenpresse sprechen, haben wohl auch eine gewisse Affinität zur Verwendung des Wortes „Lügenwissenschaft“. Es bleibt zu hoffen, dass es dem großen Teil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelingt, durch wohlüberlegte Kommunikation ihrer Ergebnisse das Vertrauen in die Wissenschaft wiederherzustellen.

 

Dr. Christina Poggel

Stellv. Chefredakteurin

 

Weitere Informationen:

Überblick zum Sachstand (23.10.2019), Universität Heidelberg

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