MIRRI: Großes Netz für kleine Organismen

Eine Pan-Europäische Infrastruktur im Dienst mikrobiologischer Forschung und Anwendung

MIRRI [1], die ‚Microbial Resource Research Infrastructure’, ist ein Zusammenschluss europäischer Ressourcenzentren (MRC) gleicher Zielsetzung, die von ESFRI [2], dem ‚European Strategy Forum on Research Infrastructures’ 2010 in seine strategische Planung aufgenommen wurde und seit 1.11.2012 von der EU gefördert wird. Dies unterstreicht die ökonomische Bedeutung, die den mikrobiellen Ressourcen zugewiesen wird. Im Verlauf des Projekts soll ein Konzept für diese dezentrale, koordinierte Infrastruktur vorgelegt werden. Von dieser intensivierten Zusammenarbeit der MRCs und ihrer Nutzer werden die europäische Wissenschaft und die Bio-Ökonomie erheblich profitieren.

Vernetzung zwischen Servicesammlungen
Die Entscheidung der EU, das MIRRI-Projekt für drei Jahre zunächst in einer Vorbereitungsphase („Preparatory Phase“) zu fördern, beruht auf zwei Motiven. Zum einen wird die überragende Bedeutung von Bakterien, Pilzen, Viren und Zelllinien für die Forschung und Industrie verdeutlicht, sowie die Notwendigkeit ihrer optimierten Verfügbarkeit über öffentliche Serviceeinrichtungen betont. Zum Zweiten wird die bereits bestehende informelle Vernetzung zwischen bedeutenden europäischen MRCs als wertvoll und ausbaufähig anerkannt. Auf dieser Grundlage soll eine verantwortliche koordinierte Struktur mit richtungsweisenden Synergien entwickelt werden, die dem Nutzer einen erleichterten, rechtlich abgesicherten Zugang zu hochwertigem Material, Daten, Training und Wissen ermöglichen wird.

Die Notwendigkeit, gemeinsame Interessen der mikrobiellen Servicesammlungen unter Einbeziehung ihrer Nutzer zu bündeln, wurde erstmals ab Anfang 1990 in dem EU-Projekt MINE [3] erkannt und in die Praxis umgesetzt. In dem nachfolgende CABRI [3]-Projekt stellten einige der führenden Sammlungen Europas den Inhalt ihrer individuellen Kataloge über eine Suchmaschine vergleichend zur Verfügung, die in der moderneren Fassung Zugang zu einem ‚Hyper- Catalogue’ bietet (http://www.cabri.org/Hyper-Cat/). Gleichzeitig wurden beispielhafte Richtlinien für die labor- und datenseitige Bearbeitung von biologischem Material erarbeitet und online publiziert, die eine wertvolle Grundlage für das spätere OECD-BRC Projekt bildeten.

Initiiert von der japanischen Regierung wurde 1999 die OECD beauftragt, Richtlinien zu entwerfen, die es den mikrobiologischen Sammlungen ermöglichen sollte, sich auf die steigenden Anforderungen einzustellen, die das erhöhte Interesse an Biodiversität und Genomik und dem damit verbundenen erhöhten Anspruch an Qualität der biologischen Materialien und deren assoziierte Daten, sowie der damit verbundenen Datenflut mit sich bringen würden. Im Mittelpunkt einer zukünftigen Bio-Ökonomie sollte die Bio-Industrie und der individuelle Anwender mikrobiologischer Kulturen (in diesem Zusammenhang auch ‚Kunde’ oder ‚Nutzer’ genannt) stehen, dem ein breiteres Spektrum an Ressourcen, Daten und Leistungen auf erhöhtem Qualitätsniveau angeboten werden sollte. Naturwissenschaftliches und biotechnologisches Wissen sollte in größerem Ausmaß direkt in den Produktionsprozess einfließen, um effiziente und nachhaltige Methoden zur Produktentwicklung zu ermöglichen (Weiße Biotechnologie, Alfred Oberholz, Evonik).

Das CABRI-Folgeprojekt EBRCN [3] griff daraufhin Elemente der ‚OECD’ Initiative on Biological Resource Centres (BRCs) [4] auf, die von Servicesammlungen eine verbesserte Strategie forderte, um den Ansprüchen für eine leistungsfähigere Biotechnologie des 21. Jahrhunderts zu genügen. Hier stand die Heranführung der gemeinsamen ‚Best Practice’-Richtlinien [5] an ein Qualitätsmanagement nach ISO im Zentrum der gemeinsamen Arbeit. Das EMbaRC [3] -Projekt erweiterte dann das Spektrum an Aktivitäten und behandelte aktuelle Themen wie die biologische Sicherheit, verbesserte Identifizierungsmethoden oder den Aufbau eines europäischen Netzwerkes von DNA-Banken.

MIRRI als Teil einer weltweiten Vernetzung von Ressourcenzentren
Ein weiterer wichtiger Schritt zum Ausbau einer von Wissen geprägten Bio-Ökonomie zur Unterstützung von Forschung und Biotechnologie wurde in den Jahren zwischen 2008 und 2011 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durch die Förderung eines Demonstrationsprojektes für den Aufbau eines Globalen BRC Netzwerkes (GBRCN) [6] getan. Dieses Pilotprojekt kam zu der Empfehlung, dass nationale Regierungen durch koordinierte politische Aktivitäten den Aufbau eines internationalen Mechanismus initiieren sollten, um das weltweit gesammelte mikrobiologische Material auf einen einheitlichen und hohen Qualitätsstandard zu führen, der für das allgemein angestrebte Ziel von kooperativer, globaler Forschung und Entwicklung notwendig ist. Im Einzelnen hebt der Abschlussbericht die Chance hervor, durch eine globale Infrastruktur zahlreiche Aktivitäten zu bündeln, deren derzeitige Fragmentierung dem Fortschritt hinderlich ist, und die Zusammenarbeit zwischen MRCs, Nutzern, Behörden und Zuwendungsgebern zu verbessern, um innovative Lösungen für globale Probleme, wie Gesundheit, Ernährungssicherheit und Klimawandel zu finden.

Da diese Punkte das gesamte biologische Material sensu OECD Definition betreffen, wird ein GBRCN Sekretariat aus mehreren Knoten bestehen müssen, die jeweils für eine bestimmte Art biologischen Materials verantwortlich zeichnen sollten. Innerhalb eines mikrobiologischen Knotens (Prokaryonten, mikrobielle Eukaryonten) könnte man sich ein Konsortium aus regionalen Partnern vorstellen, das die einzelnen Regionen der Erde vertritt. Für einzelne Regionen gibt es bereits Ansätze für entsprechende Netzwerke (Ostasien, Brasilien, Australien, USA), in Europa jedoch bisher noch keines, das diese Region mit einem politischen Mandat vertritt. Auf Grund der angestrebten ambitionierten Zielsetzung würde MIRRI bei einem Erfolg eine zukünftige Führungsrolle in einem globalen Netzwerk zukommen.

Die nächsten Schritte
Die Aufgaben von MIRRI, koordiniert von der DSMZ und administrativ begleitet vom Helmholtz- Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig, werden sich in der Anfangsphase auf strategische Entwicklungen konzentrieren. Am Ende dieser Phase muss den nationalen politischen Entscheidungsträgern überzeugend dargestellt werden, welchen Mehrwert eine stärker vernetzte europäische MRC Infrastruktur für den Nutzer (in Wissenschaft und Industrie, sowie bei Regierungen und Behörden) bietet. Denn ohne die nationale regierungsseitige Zustimmung werden die entsprechenden nationalen MRCs nicht an der Umsetzung der Empfehlungen in der längeren, zweiten Konstruktionsphase („Implementation Phase“) mitwirken können.

Die vielfältigen Aufgaben in der „Preparatory Phase“ sind in Arbeitspakete gegliedert, die zusammenfassend die Entwicklung folgender Ziele für eine Verwirklichung in der Konstruktionsphase verfolgen:

  • Funktionskriterien für MIRRI als globale Infrastruktur, Entwurf einer Managementstruktur, Kriterien für eine MIRRI-Mitgliedschaft, und Evaluierung der Nutzerbedürfnisse
  • Konzeptioneller Aufbau eines Sekretariats, der zukünftigen Leitungsstruktur, des Rechtsstatus und von Finanz- und Wirtschaftsplänen
  • Kriterien für die gemeinsame Basis eines MRC-spezifisches Qualitätsmanagements und für Standards
  • Kommunikationsstrukturen zwischen MRCs, Nutzern und MRCs, sowie nationalen und internationalen politischen Entscheidungsträgern; zwischen MIRRI und anderen ESFRI Forschungsinfrastrukturen
  • Verbesserte Serviceleistungen (inkl. Material und Expertise), Ausbildung und Training von Nutzern und MRC Mitarbeitern
  • Verbesserte Qualität, Quantität, und Interoperabilität ressourcenbezogener Daten, sowie deren Zugang
  • Umsetzung internationaler Abkommen zum Zugang zu mikrobiellen Ressourcen

Dialog erwünscht
Mit dieser kurzen Darstellung der Aufgaben von MIRRI möchten die Autoren die deutschen Mikrobiologen direkt auffordern, sich aktiv an der Verwirklichung der Ziele zu beteiligen. Dieses Projekt lebt von einem intensiven Dialog zwischen MRCs und ihren Nutzern und nur mit ihrer Mitwirkung können Strategien erfolgreich entworfen werden und überzeugend sein. Falls Sie, als Sammlungsleiter, Wissenschaftler und/oder Nutzer mikrobiellen Materials an Hochschulen und anderer wissenschaftlicher Institute oder als Forscher in der Bioindustrie, Interesse an einer Zusammenarbeit haben, wenden Sie sich bitte an Dr. André Oumard unter andre.oumard@dsmz.de

Quellen

[1] MIRRI: www.mirri.org
[2] ESFRI: http://ec.europa.eu/research/ infrastructures/index_en.cfm?pg=esfri
[3] MINE, Microbial Information Network Europe; CABRI: Common Access to Biologica Resources and Information (http://www.cabri.org/); EBRCN, European Biological Resource Center Network (http://www.ebrcn.net/), EMbaRC, European Consortium of Microbial Resources Centres (http://www.embarc. eu/).
[4] Biological Resource Centres – Underpinning the future of life sciences and biotechnology www.oecd.org/sti/biotechnologypolicies/biologicalresourcecentres.html
[5] OECD Best Practice Richtlinien. www.oecd.org/sti/biotechnologypolicies/oecdbestpracticeguidelinesforbiologicalresourcecentres.html
[6] GBRCN: www.gbrcn.org

Kontakt
Professor Dr. Erko Stackebrandt
Dr. Dagmar Fritze
Dr. André Oumard
Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von
Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH
Braunschweig
Tel.: 0531/2616-371
Fax: 0531/2616-418
erko@dsmz.de
www.dsmz.de
www.mirri.org

Autor(en)

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DSMZ - German Collection of Microorganisms and Cell Cultures Department of Human and Animal Cell Lines
Inhoffenstr. 7B
38124 Braunschweig
Germany

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