„Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit“: Editorial April 2013

Was heißt eigentlich „Ganzheitlich"? Sucht man diesen Begriff bei Wikipedia, findet man folgende Definition: „Ganzheitlichkeit ist die Betrachtung einer Sache in der gefügehaften Totalität aller Teile sowie in der Gesamtheit ihrer Eigenschaften und Beziehungen". Das klingt ja soweit recht einfach und sachlich. Es folgen vor allem philosophische Ansätze. Ähnlich sieht es aus, wenn der Suchbegriff „Holistik" ist: „Der Holismus, auch Ganzheitslehre, ist die Lehre, dass die Elemente eines Systems, einer „Ganzheit" oder „Gestalt", durch die Strukturbeziehungen vollständig bestimmt sind". Auch hiernach wird es eher esoterisch. Ein weiterer Begriff, der sich für mich nicht direkt erschließt, ist „Nachhaltigkeit" im heutigen Sprachgebrauch. Dieses Wort entstammt der Forstwirtschaft (Hans Carl von Carlowitz, 1713 „Silvicultura oeconomica") und meint dort, dass in der Forstwirtschaft nur so viel Holz entnommen werden soll, wie auf der gegebenen Fläche wieder nachwächst. Anschließend folgen eine Vielzahl von recht unterschiedlichen Definitionen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir haben hier also Begriffe, die zwar oft verwendet werden, deren Aussage aber diffus bleibt. Aber vielleicht ist gerade dies die Ursache für die „Erfolgsgeschichte" dieser Begriffe. Dass sie nämlich unkonkret bleiben. Somit reihen sie sich nahtlos an viele andere aussagefreie Begriffe, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch, wachsender Beliebtheit erfreuen.

Die Zusammenhänge in unserer Umwelt sind besonders komplex. Zudem ist der Kenntnisstand der Wissenschaft, was diese Zusammenhänge angeht, nicht umfassend genug. Daraus resultieren dann schlechte Entscheidungen. So fördern beispielsweise Bund- und Landesregierungen im Namen der „Energiewende" hartnäckig Technologien, die erwiesenermaßen nicht die Erwartungen hinsichtlich der „Nachhaltigkeit" erfüllen können. So gibt es nach wie vor erhöhte Einspeisegebühren für Strom aus kleinen Wasserkraftwerken, bei denen selbst die Analysen im Auftrag des Bundes zum Schluss kommen, dass sie weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll sind (UBA-Texte 01/01 ISSN 0722-186X, 2001).

Beispiele dafür, wie wichtig gerade bei ökologischen Fragestellungen eine umfassende, „ganzheitliche" Betrachtungsweise von komplexen Systemen ist, finden Sie auf den Seiten 222 und 228 in dieser Ausgabe.

Aus dem Beitrag aus dem hessischen Landeslabor geht hervor, welche Verbindungen zwischen aquatischen Systemen bestehen und auf welch vielfältigen Wegen Substanzen in das Wasser und schließlich in unsere Körper gelangen. Der Beitrag auf Seite 228 zeigt, wie schädliche Substanzen bei dem Versuch, andere problematische Bestandteile zu entfernen, in unserem Trinkwasser erst entstehen.
Durch Wasser als Lösungsmittel und dem Bestreben der gelösten Substanzen, sich gleichmäßig darin zu verteilen, wird aus der Biosphäre, welche überwiegend aus wässrigen Systemen besteht, ein „ganzheitliches" System ohne Grenzen, in dem sich viele schädliche Substanzen im Laufe der Zeit anreichern. Ganz gleich wo und wie wir Wasser beeinträchtigen, die negativen Auswirkungen betreffen uns sehr direkt, denn ein Leben ohne Wasser ist nach unserem derzeitigen Kenntnisstand nicht möglich.

Dr. Arne Kusserow
Chefredakteur
arne.kusserow@wiley.com

 

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