Naturwissenschaft im Overton-Fenster

Vorwort zur GIT Labor-Fachzeitschrift 08/2018

  • Konzept des Overton-Fensters in Anlehnung an Ref. 1. Credit: VikaSuh/Getty Images.Konzept des Overton-Fensters in Anlehnung an Ref. 1. Credit: VikaSuh/Getty Images.

Vielleicht haben Sie in den letzten Wochen vom Overton-Fenster gehört, diesem besonders in den USA vielzitierten Konzept und Werkzeug politischer Meinungsbildung [1]. Seine einem altbekannten Mechanismus zugrunde liegende Idee übersetzte Overton in ein simples, eindimensionales Modell, das aus gegebenem Anlass zuletzt auch deutschsprachige Medien aufgriffen (Zeit online und Sueddeutsche Zeitung online) [2]. Es beschreibt den Gesamtzustand politischer Meinungen auf einer von „links“ bis „rechts“ reichenden Achse, deren durch den Fensterrahmen begrenzten Mitte der Ist-Zustand sowie populäre Ansichten zugeordnet werden. Halten sich Politiker in diesem Fenster auf, ist die Wahrscheinlichkeit für den Zuspruch des Volkes am höchsten. Außerhalb des Fensters werden Meinungen angesiedelt, die von sinnvoll bis undenkbar reichen und mit einem Abflachen der breiten Akzeptanz einhergehen.

Ein wirkungsvolles Hilfsmittel zur Durchsetzung politisch bis dato unbeliebter Maßnahmen wird es dadurch, dass es verschiebbar ist. So können Politiker durch extreme Aussagen eine Sogwirkung erreichen, durch die gemäßigtere Standpunkte in den Bereich des Fensters rücken. Auch können in Wahrheit kleine Gruppen durch gezielte Aktionen im Netz einen Ist-Zustand politischer Gesinnung simulieren, der von den tatsächlichen Ansichten der stillen Mehrheit abweicht. Gemäß Overton muss sich in einer Demokratie zunächst das Fenster verschieben, bevor Richtungsänderungen in der Politik möglich sind. So einfach dieses Bild ist, es beschreibt die Vorgänge politischer Stimmungsmache treffend und zeigt das System hinter scheinbar willkürlichen Ausbrüchen ins Extreme auf.

Wenn auch von einem Politikwissenschaftler erdacht, gewährt ein Blick durch dieses Fenster eine neue Perspektive auch auf Vorgänge in den Naturwissenschaften. Denn ihre Geschichte ist ebenso gespickt mit Fällen, in denen radikale Thesen mit gängigen Vorstellungen aufgeräumt und dem Diskurs eine neue Richtung gegeben haben.

So bewirken das Auftreten anhand gängiger Modelle unerklärbarer Messdaten und neuer Theorien die Verschiebung der unter den Forschenden weitgehend anerkannten Interpretationen ins vormals Undenkbare. Würde man die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen gegen die oben beschriebene, in diesem Fall nur in eine Raumrichtung reichende Achse des Overton-Fensters auftragen, läge das Maximum aller Wahrscheinlichkeit nach im Nullpunkt.

Wie belebend auf den wissenschaftlichen Diskurs Forschungsbeiträge wirken, die den Rahmen sprengen, verdeutlichen beispielsweise quantenchemische Studien von Frenking und Mitarbeitern aus dem Jahr 2006 [3]. In dieser und folgenden Arbeiten zeigen sie, dass das bis dahin nur in der Übergangsmetallchemie etablierte Modell koordinativer Bindungen auf zweifach koordinierte Hauptgruppenverbindungen anwendbar ist. Weit außerhalb des „Lehrbuchwissens“ liegend entfachte ihre Interpretation eine Debatte über Konservatismus und die Bedeutung unkonventionellen Denkens in der Wissenschaft [4]. Durch seine Nützlichkeit für die Interpretation und Vorhersage neuer Verbindungsklassen wurde dieses Modell von immer mehr Forschungsgruppen angenommen.

Eine unberechenbare Verzerrung erleben wir, wenn eine einzelne, sich außerhalb des Fensters befindliche Forschungsarbeit von der Politik instrumentalisiert wird. Dann wird sie aus dem geschützten Raum herausgerissen, in dem sie zahlreichen gegenläufigen Ergebnissen gegenübergestellt, diskutiert, in Folgearbeiten widerlegt oder bestätigt wird. Kommt sie einer bestimmten politischen Partei gelegen, ist ihr eine unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit gewiss, egal, wie sehr die Beweislast auf der anderen Seite liegt. Umso wichtiger ist es, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht in ihren Laboren einschließen und allein auf die Überzeugungskraft ihrer Daten setzen. Nur wenn auf jede unwissenschaftliche Behauptung eine auf dem aktuellen Erkenntnisstand ruhende Gegenstimme folgt, kann das entgleiten des Overton-Fensters in eine politische Ecke verhindert werden.

In diesem Sinne freuen wir uns über Ihre Beiträge und Kommentare, die spannende Debatten entfachen und uns immer wieder zum Nachdenken anregen.

Mit freundlichen Grüßen
Christina Poggel

 

Referenzen:

[1] Nathan J. Russell: An Introduction to the Overton Window of Political Possibilities, Mackinac Center for Public Policy (2006), zuletzt abgerufen am 03.08.2018.

[2] a) Lenz Jacobsen: Krasse Meinungen wehen uns mit voller Wucht ins Gesicht, Zeit online (2018), zuletzt abgerufen am 03.08.2018; b) Jens-Christian Rabe: Das wird man wohl bald sagen dürfen, Süddeutsche Zeitung online (2018), zuletzt abgerufen am 03.08.2018.

[3] Ralf Tonner, Florian Öxler, Bernhard Neumüller, Wolfgang Petz, Gernot Frenking: Carbodiphosphorane: die Chemie von zweibindigem Kohlenstoff(0), Angew. Chem. 2006, 118, 8206-8211; DOI: 10.1002/ange.200602552.

[4] a) Daniel Himmel, Ingo Krossing, Andreas Schnepf: Dative Bindungen bei Hauptgruppenelementverbindungen: ein Plädoyer für weniger Pfeile, Angew. Chem. 2013, 126, 378-382; DOI: 10.1002/ange.201300461; b) Gernot Frenking: Dative Bindungen bei Hauptgruppenelementverbindungen: ein Plädoyer für mehr Pfeile, Angew. Chem. 2014, 126, 6152-6158; DOI: 10.1002/ange.201311022.

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