Stammzelldebatte - Erwartungsmanagement erforderlich

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In der Stammzellforschung wurde der wissenschaftliche Prozess seit seinen Anfängen von einer regen öffentlichen Debatte begleitet.Diese Debatte bewegte sich stets im Spannungsfeld zwischen den Befürchtungen, die besonders mit der Forschung an embryonalen Stammzellen einhergehen einerseits und den Hoffnungen auf die therapeutischen Ergebnisse dieser Forschung andererseits.

Mit Blick auf die stürmischen Anfangsjahre dieses Forschungsfeldes hat das Erwartungsmanagement und die verantwortungsvolle Wissenschaftskommunikation über Ergebnisse und Perspektiven der Stammzellforschung von daher herausragende Bedeutung. Nicht nur, dass die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit Auswirkungen auf Zustimmungswerte zu einem Forschungszweig und damit mittelbar auch auf dessen Förderung hat. Gerade im Fall der Stammzellforschung wird deutlich, dass dies auch wesentlich dem Schutz potentieller Patienten dienen kann. Inzwischen gibt es weltweit über hundert Anbieter von Stammzellbehandlungen, die weder eine klinische Studie durchlaufen haben noch auf anderweitig belastbaren wissenschaftlichen Daten beruhen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat das Kompetenznetzwerk Stammzellforschung NRW eine Befragung zur öffentlichen Wahrnehmung der Stammzellforschung und ihres Anwendungspotenzials in Auftrag gegeben. Die repräsentative Befragung (1006 Personen) wurde Anfang 2013 von TSN Emnid im Rahmen einer telefonischen Mehrthemenbefragung durchgeführt. Anders als bei vorherigen Umfragen zum Thema1 wurde nicht nur die Haltung der Befragten zu den verschiedenen Feldern der Stammzellforschung, sondern auch ihre Erwartungen in Bezug auf Ergebnisse der Forschung abgefragt. Im Folgenden einige signifikante Ergebnisse2:

Guter Wissenstand

Die Befragung offenbarte insgesamt einen recht hohen Wissenstand: 92,5% geben an, schon einmal vom Thema gehört zu haben. In der Beantwortung von vier Sachfragen konnten 54,3% der Befragten mindestens drei dieser Fragen korrekt beantworten. Immerhin 19,3% der Befragten beantworteten alle vier Fragen richtig. Auch in offenen Fragen wird der allgemeine hohe Informationsgrad deutlich. Das Thema Stammzellen ist also in der Gesellschaft angekommen.

Zugleich wird aus mehreren Fragen klar, dass Stammzellen vielfach mit klinischen Anwendungen verbunden werden.

Eine besonders häufig auftretende Assoziation ist dabei die zum Nabelschnurblut. Viele Antworten weisen darauf, dass Stammzellen aus Nabelschnurblut als Form der Gesundheitsvorsorge für Neugeborene betrachtet werden. Die Autoren der Studie vermuten hier einen Zusammenhang zu Werbeaussagen privater Nabelschnurbanken.
Ein von den Autoren vermuteter Konnex zwischen dem Informationsgrad der Befragten und relevanten Erkrankungen in ihrem sozialen Umfeld (Betroffenheitsgrad) ließ sich aus den Ergebnissen der Studie nicht belegen.

Zustimmung wächst und Erwartungen sind hoch

Auf die Frage „Befürworten Sie die Transplantation von Stammzellen bei kranken Menschen?" antworteten 85,5% der Befragten positiv. Nur 10,3% lehnten eine derartige Therapieoption ab. Im Vergleich zu früheren Ergebnissen zeigt sich eine generell höhere Akzeptanz der Stammzellforschung. Den Satz „Stammzellforschung sollte in Deutschland verboten werden." bejahten nur 17,1 % der Befragten. 78,43 % sprachen sich gegen ein generelles Verbot der Stammzellforschung aus. Die Ergebnisse sind mit früheren Befragungen allerdings nicht ohne weiteres vergleichbar, da diese oft nicht zwischen den verschiedenen Stammzellarten differenzierten.

Weitere Ergebnisse zeigen die „optimistische Einschätzung des Anwendungspotenzials" (69,8 %) auf. Der Aussage, dass Stammzellforschung „in den nächsten 20 Jahren bei medizinischen Behandlungen eine große Rolle spielen werde" stimmen sogar 92,4 % der Befragten zu. Dies macht die Notwendigkeit von Informationsangeboten und Erläuterungen deutlich.

Wird die Stammzellforschung den hohen Erwartungen gerecht?

In der Tat haben Ergebnisse gerade der letzten zwei Jahre deutliche Fortschritte in Richtung Anwendung gezeigt. So werden aus induziert pluripotenten Stammzellen (iPS) spezifische Zelltypen abgeleitet, die in der Pharmaindustrie als Testsystem für Wirkstoffkandidaten verwendet werden sollen. Notwendige Standardisierungsprotokolle, Fragen des scale-up und der Qualitätskontrolle werden in Konsortien mit Forschungsinstitutionen und Unternehmen adressiert (wie im Rahmen der nordrhein-westfälischen StemCellFactory). Aber auch zum klinischen Einsatz von Stammzellen sind Fortschritte zu vermelden. Werden hämatopoetische Stammzellen bei Leukämien und Lymphomen seit 30 Jahren routinemäßig eingesetzt, wird der Einsatz von adulten, mesenchymalen Stammzellen nun auch für Erkrankungen wie Multiple Sklerose, in Studien getestet. Und auch die humanen embryonalen Stammzellen (hES) haben rund 15 Jahre nach Ihrer Entdeckung die klinische Prüfung erreicht. Zellderivate aus hES werden als Transplantat bei der Makuladegeneration und Diabetes Typ 1 getestet.

Angesicht dieser Entwicklungen ist auch zukünftig ein hohes Interesse von Patienten und Anwendern (z.B. Hausärzten) zu erwarten.

1 Zwei Befragungen durch TSN Infratest im Auftrag des Bundesverbands Lebensrecht 2007 und 2008 und beim Eurobarometer Spezial Biotechnologie 2010.
2 Ausführlicher zu den Ergebnissen: Alfons Bora, Martina Franzen et al. „Stammzellforschung in Deutschland. Auswertung einer telefonischen Umfrage im Auftrag des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung NRW", Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik Band 18, Suhrkamp, 2013, Hsg: Dieter Sturma et al., S.281 ff.

Kontakt
Ira Herrmann und Martin Heyer

Kompetenznetzwerk Stammzellforschung NRW

GIT-Tipp: 8th International Meeting on Stem Cells in Bonn vom 21.04 - 22.04.2015

Kontaktieren

Kompetenzwerk Stammzellforschung NWR
Völklinger Str. 49
40221 Düsseldorf
Telefon: 0211/8964042
Telefax: 0211/8964050

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