Vorwort: Behandeln oder nicht behandeln?

Investitionen in erneuerbare Energien, Ausbau des öffentlichen Verkehrs, Entwicklung neuer Methoden der Energiespeicherung und vieles mehr: Die Kosten, um einer Klimaerwärmung durch vom Menschen verursachte Faktoren entgegenzuwirken, sind hoch. Ein beliebter Einwand von Gegnern dieser Maßnahmen sind diese hohen Kosten und Risiken für die Wirtschaft. Man sollte meinen, dass die Erhaltung eines ganzen Planeten eine gewisse Geldsumme wert sein sollte. Aber dann kommt ein anderer Einwand: Es sei ja nicht einmal zu hundert Prozent bewiesen, dass es einen Klimawandel gibt oder dass er, wenn es ihn geben sollte, menschgemacht ist bzw. vom Menschen aufgehalten werden kann.

Bezüglich des ersten Arguments gibt es gegenläufige Theorien, gemäß derer Klimaschutz eben keine Arbeitsplätze kosten und das Wirtschaftswachstum nicht bremsen wird, vorausgesetzt, dass die Maßnahmen des Klimaschutzpaketes in ein marktwirtschaftlich kluges Gesamtkonzept eingefasst werden. Die bisher beschlossenen Mittel werden allerdings nach Meinung vieler Experten bei weitem nicht ausreichen, um den menschgemachten Klimawandel zu stoppen.

Ein Risiko bleibt, Prognosen über die genauen Auswirkungen auf die Wirtschaft, vor allem, wenn festgestellt wird, dass noch drastischere Initiativen notwendig sind, bergen Unsicherheiten. Und so ist das zweite oben genannte Argument für Klimaschutzkritiker ausschlaggebend. Warum sollten horrende Summen investiert und Risiken eingegangen werden, wenn wir nicht wissen können, ob dieses Vorgehen die Erderwärmung aufhalten kann? Es stimmt, kein seriöser Wissenschaftler würde behaupten, der menschliche Einfluss auf die Entwicklung des globalen Klimas sei zweifelsfrei bewiesen. Es ist das grundlegende Prinzip der Wissenschaft, basierend auf Experimenten und theoretischen Methoden Rückschlüsse auf Ursachen und Wirkungen zu ziehen. Eine durch vorherige Untersuchungen entwickelte Theorie bleibt gültig, bis sie durch hinreichend viele, andere Ergebnisse widerlegt und durch eine andere Theorie abgelöst wurde. Eine hundertprozentige Gewissheit gibt es nie.

Was also tun, wenn beispielsweise 95 % der Studien darauf hinweisen, dass die Klimaerwärmung menschgemacht ist? Da „Klimawandel“ etwas diffuses ist, ein komplexes Phänomen mit bisher unüberschaubaren Ursachen und Wirkungen, kann eine Analogie helfen, das Für und Wider des Eingreifens zu überdenken.

Nehmen wir ein Kind, das gewisse Krankheitssymptome aufweist. Diese deuten zu 95% darauf hin, dass eine bestimmte Krankheit vorliegt, die sofortiges und drastisches Handeln bedarf. Die Kosten dieser Behandlung sind hoch, Nebenwirkungen, wenn auch überwiegend absehbare und behandelbare, sind zu erwarten. Auf der anderen Seite, wenn diese Krankheit vorliegt und nicht schnell gehandelt wird, würde das Kind mit einer hohen Wahrscheinlichkeit schwere Schädigungen erfahren, die nicht reversibel sind. Die Ärzte des Kindes legen den Eltern den Fall dar, es liegt an ihnen zu entscheiden, ob eine Behandlung sofort eingeleitet werden soll oder sie warten sollen, bis noch eindeutigere Belege vorliegen. Es ist nicht schwer vorherzusagen, wie ein überwiegender Teil handeln würde. Zurück zum Planeten Erde: Um den menschgemachten Klimawandel noch aufzuhalten, sind sehr drastische Maßnahmen erforderlich, die jedem einzelnen einiges abverlangen werden. Auch wenn wir keine sicheren Prognosen über die Wirksamkeit dieser Maßnahmen abgeben können. Sollte nichts geschehen, müssten wir und unsere folgenden Generationen mit dem Vorwurf leben, nicht gehandelt zu haben.

Dr. Christina Poggel
Chefredakteurin GIT Labor-Fachzeitschrift

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