Vorwort: Unwort oder vielmehr fehlgeleitete Beachtung?

Gutmensch, Volksverräter, alternative Fakten und Anti-Abschiebe-Industrie – die Unwörter der vergangenen Jahre. Jeder kennt sie, viele nutzen sie, doch nur den wenigsten sind wahrscheinlich die genauen Kriterien bei der Wahl zum Unwort des Jahres bekannt.

Unwort – es ist definiert als ein schlimmes, unangebrachtes Wort. Eine negativ konnotierte Negation eines sprachlichen Begriffs. Jedes Jahr wählt eine Jury – bestehend aus ehrenamtlichen und institutionell unabhängigen Sprachwissenschaftler*innen, einem Journalisten und einem Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes – aus einer Vielzahl an eingereichten Begriffen. Sie ist der Ansicht, dass sprachliche Ausdrücke dadurch zu Unwörtern werden, dass sie vor allem im öffentlichen Kontext und vom Sprecher entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen verwendet werden, also im Gebrauch entstehen. Entschieden wird nach folgenden Kriterien: Das Wort verstößt gegen das Prinzip der Menschenwürde oder gegen Prinzipien der Demokratie, es diskriminiert einzelne gesellschaftliche Gruppen oder es ist euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend. Vor allem bei den Prinzipien der Demokratie muss der ein oder andere vielleicht Schmunzeln, weil es scheint, als würde die Sprache nur den Bedürfnissen entsprechend zurechtgebogen. Doch eigentlich wird in den  meisten Situationen ein sehr ernstzunehmender Sachverhalt gar karikiert. Doch weit schlimmer ist es, wenn tatsächliche gesellschaftliche Bewegungen und Debatten mit dem Unwort des Jahres diffamiert und diskreditiert werden. So kritisiert auch der Schweizer Kolumnist Frank A. Meyer die deutsche Sprach- und Politmoral. Er tituliert die Jury als Sprachpolizei und die Wahl als Wortgeißelung.
Und genau an dieser Stelle stellt sich die Frage, ob durch den Gesamtumstand, dass ein Unwort des Jahres gewählt wird, dem Wort selbst nicht noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Durch die Festlegung als Unwort wird ein sprachlicher Ausdruck nur umso mehr thematisiert, ihm wird sogar eine Plattform geschaffen. So auch ganz besonders dem jüngst gewählten Begriff Klimahysterie. Der Ausdruck wurde gewählt, weil mit diesem die Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert werden, so die Jury.

Ferner pathologisiere er pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose. Auch sei das Wort irreführend und stütze in unverantwortlicher Weise wissenschaftliche Tendenzen. Und genau das ist es, was das Unwort tut – es ist diffamierend, es diskreditiert und es pathologisiert und zwar alle, die sich für das Klima einsetzen. Sei es Greta Thunberg oder die von ihr initiierte Bewegung Fridays For Future, die Grünen, die für eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes plädieren oder der Otto-Normal-Verbraucher, der sich ernsthafte Gedanken um die Zukunft unser aller macht. Der Grat scheint schmal, zwischen denen, die mit unüberlegten Argumenten, die tatsächlich wiederlegbar sind, argumentieren oder dem Großteil derer, die trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse den Blick vor der Realität versperren und jegliche Klimaveränderungen leugnen. Offen bleibt die Frage, ob sie sich an der durchaus negativ konnotierten „Hysterie“, dem augenscheinlichen Hype um den Klimaschutz stören und alle Bewegungen deshalb diffamieren oder tatsächlich nicht realisieren, dass Handlungsbedarf besteht. Auch die Wissenschaft belegt, dass es in vergangenen Zeitaltern durchaus beunruhigende Klimaentwicklungen gab und auch die Klimahysterie sowohl als Bewegung wie auch als sprachlicher Ausdruck (vergleiche DWDS) nichts Neues ist.

Nichtsdestotrotz ist die Klimaentwicklung unabhängig und gerade auch wegen älterer Entwicklungen ein sehr ernstzunehmender Sachverhalt. Der Grund zur Wahl des Unwort des Jahres ist wie bereits erläutert zugleich ein Kriterium desselben: Diskriminierung einzelner gesellschaftlicher Gruppen. Die Debatte um den Klimaschutz wird durch die Gegner diskreditiert. Und die Kür des sprachlichen Ausdruckes befeuert damit die Klimaleugner in gewisser Weise umso mehr. Der Begriff ist derart präsent, dass diejenigen bestätigt werden, die man eigentlich zu kritisieren versucht.
 
 
Autorin
Corinna Herbst

 

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