Wissenschaftsforum 2013

GDCh in Darmstadt

Das Wissenschaftsforum der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) in der „Schepp Schachtel“ zu Darmstadt zog dieses Jahr ca. 2.000 Teilnehmer an. Mit diesem Namen bezeichnet der Volksmund der südhessischen Wissenschaftsstadt das Kongresszentrum Darmstadtium. Während des viertägigen Programms mit Start am Sonntag, dem 1. September, spiegelten etwa 300 Vorträge und über 400 Posterbeiträge sowie Workshops und Podiumsdiskussionen, nicht nur die derzeitigen Herausforderungen der Branche, der modernen chemischen Forschung und Produktion wider, sondern bot auch sowohl für Vertreter anderer Wissenschaftszweige als auch für die breite Öffentlichkeit interessante Einblicke in aktuelle Thematiken.

Chemie und Energie
Prof. Wolfram Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft, hob in seinem Statement zur offiziellen Pressekonferenz die Energiefrage, die Nutzung von Kohlendioxid und Lebenswissenschaften mit ihrem Bezug zur Chemie als Themengebiete der Tagung besonders hervor.

Zum Thema „Fracking“, der mittels Chemikalien unterstützten Tiefbohrtechnik zur Gewinnung von Erdgas und Öl, deren Einfluss auf die Umwelt z. Z. kontrovers in der Gesellschaft diskutiert wird, wurde sogar ein öffentlicher Vortrag angesetzt, den Robert Frimpong von der Firma Wintershall in Kassel hielt. Im Rahmen eines Schülertages wurden nach einer kurzen Einführung von Prof. Walter Jägermann interssierte Jugendliche über Photovoltaik, die Sicherstellung zukünftiger Energieversorgung bis hin zur Lithium-Ionen-Batterietechnologie unterrichtet. In der Vortragsreihe zu angewandter Elektrochemie referierte u. a. Prof. Martin Winter von der Universität Münster über neueste Forschungs- und Entwicklungsergebnisse zu Inaktivmaterialien (u. a. Elektrolyte und Separatoren) für Batterien. Auch wenn der große Durchbruch bei der Brennstoffzellenentwicklung bislang noch nicht gelungen sei, standen in Darmstadt auch Materialfragen und Analysemethoden zu Polymerelektrolytbrennstoffzellen im Mittelpunkt. Zum Thema Energieeffizienz und Energiespeichermoleküle gab Prof. Robert Schlögl vom Fritz-Haber-Institut der Max- Planck-Gesellschaft einen Statusbericht, wie große Mengen Energie in kleinen Molekülen gespeichert werden können.

Bei der CO2-Nutzung stehe die Chemie kurz vor mehreren Durchbrüchen, so Koch. Wenn es gelänge, aus CO2 kleine Kohlenwasserstoffmoleküle und daraus Polymere unterschiedlichster Art herzustellen, wäre zwar nicht unbedingt die Klimafrage, aber zumindest partiell die Rohstofffrage gelöst.

Mit Hinblick auf Biochemie und Lebenswissenschaften wurden u. a. Beispiele zur Verwendung synthetischer Biomoleküle v. a. von DNA in der Diagnostik diskutiert. Hier ging es darum, Enzymaktivitäten schnell und sicher messen zu können, um Einblicke in die Art von Erkrankungen zu erhalten. Als wichtiges Beispiel nannte Koch hierbei die Messung der Protease-Aktivität im Falle einer Lungenerkrankung.

Die GDCh
Demographischer Wandel, Arbeitswelt von morgen, Internationalisierung und Globalisierung, Hochschulranking und Forschungsrating, Änderungen im Publikationswesen, um nur einige Beispiele zu nennen, seien entscheidende Herausforderungen, die sich die GDCh neben den wissenschaftlichen Themen stellen müsse, so die Präsidentin des Veranstalters Prof. Barbara Albert. Viele Mitglieder der Gesellschaft arbeiteten im Alltag nicht mehr im engen Sinne wissenschaftlich und die Hälfte des Vorstands käme aus der Wirtschaft. Das präge die GDCh. So, wie die Chemie in Deutschland in der Wissenschaft Quelle unzählbarer Innovationen sei, so müsse die Gesellschaft auch in der wissenschaftspolitischen Diskussion Innovationstreiber sein, wenn der Chemie-Standort Deutschland als Ganzes gestärkt werden solle.

Fachkräftemangel
Mit Bezug auf diese Sachverhalte wurden im Rahmen des Forums u. a. Veranstaltungen initiiert, die den zunehmenden Fachkräftemangel thematisierten. Ein gemeinsames Symposium mit der Koreanischen Chemischen Gesellschaft wurde organisiert, um mit einem wichtigen Wirtschaftspartner zukünftige Herausforderung u. a. in der Bildung und Ausbildung zu thematisieren. Für die Chancengleichheit in der Chemie wurde eigens eine Broschüre zur Tagung vorgestellt, in der die Gesellschaft zu Erwerbstätigkeit und Familienfürsorge Stellung bezieht. Darin heißt es: „Arbeitsformen der Zukunft erfordern eine bessere Balance zwischen Erwerbstätigkeit und Familienfürsorge, als sie heute realisierbar ist. Nur so ist Chancengleichheit für alle Teile der Gesellschaft sowie eine qualifizierte Versorgung des Arbeitsmarktes zu erreichen.“

Erstmals stand in Darmstadt das GDCh- Mentoring-Programm CheMento im Kontext „Arbeitswelt“ auf der Agenda. Dieses solle jungen GDCh-Mitgliedern gerade am Übergang Schule / Universität bzw. Beruf helfen, die Weichen richtig zu stellen. Außerdem konnten sich Berufseinsteiger mit Unternehmen über Karrierechancen auf der die Tagungung begleitenden Jobbörse austauschen.

Chemie und Gesellschaft
Als weiteres außerwissenschaftliches Thema hatte der Programmpunkt „Industrie trifft Behörde“ die Zielsetzung, Gedanken über Arbeitsweisen an den typischen Schnittstellen zwischen Industrie und Behörden zu diskutieren. Es ging dabei um die Durchführung und Bewertung von nichtklinischen Gesundheits- und umweltrelevanten Sicherheitsprüfungen sowie um sicheres Arbeiten im Labor und die Gefährdungsbeurteilung.

Mit seiner Präsentation „Cradle to Cradle – Intelligentes Produktdesign“ erläuterte Prof. Michael Braungart die Strategie, Prozesse und Produkte zu finden, die für einen Stoffkreislauf geeignet sind. D. h. die Endprodukte stellen erneut hochwertige Ausgangsstoffe dar und sind keine aus dem Prozess hervorgehenden Abfallprodukte mehr.

Einem von großem öffentlichen Interesse gestützten Thema, das CHE-Hochschulranking, welches bislang von der GDCh eher boykottiert als unterstützt wurde, wurde in diesem Jahr sogar in einer offenen Runde mit Vertretern des Zeit-Studienführers diskutiert. Die Gesellschaft prüfe mittlerweile mit einer eigenen Expertengruppe, ob in Zusammenarbeit mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) an einer Verbesserung des Rankings gearbeitet werden solle oder ob es bei dem Boykott bleibe, so die Präsidentin der GDCh.

Nützlich oder Wichtig
Die beabsichtigte Reduzierung des Energieaufwands von chemischen Prozessen und die damit verbundene Frage an die Material- und Katalysatorforschung zeigt die notwendige Zusammenarbeit beider Forschungsdisziplinen. Welche Komponente dabei die wichtigere sei, spiele keine Rolle, so Dr. Alois Fürstner vom Max-Planck-Institut für Kohleforschung aus Mühlheim/Ruhr, Träger des diesjährigen Karl Ziegler Preises. Vielmehr bedingten beide Komponenten einander. Allerdings solle man nicht immer hoffen, Grundlagenforschung bringe stets früher oder später für den Menschen nutzbare Produkte hervor. Diese Erwartungshaltung spiele in der Grundlagenforschung weitestgehend keine Rolle. Allenfalls behindere diese Einstellung nur die Kreativität der Protagonisten. Fürstner, der wegen seiner äußeren Ähnlichkeit zum Namensgeber direkt bei der Verleihung als Karl Ziegler vorgestellt wurde, sagte offen, der praktische Wert seiner bisherigen Forschung sei gering. Dennoch konnte er kurzweilig wie eindrücklich herausstellen, welchen Stellenwert die Katalyse innerhalb der Chemie einnimmt und dass viele entscheidende Prozesse ohne die Unterstützung katalytisch wirksamer Substanzen undenkbar wären. Ohne Katalyse kein Leben, keine saubere Luft, keine neuen Materialien, keine neuen Medikamente, keine chemische Industrie, keine Lösung der großen Energiefragen, denen sich die Gesellschaft gegenüber sehe, so Fürstner. Es sei faszinierend, sich Moleküle auszudenken, die andere Moleküle zu hoch selektiven Reaktionen unter schonenden Bedingungen anregten, ohne selbst in der Bilanz zu erscheinen. Katalysatoren seien chemische Phönixe und Multiplikatoren. Sie agierten wie gute Diplomaten, indem sie „die Wege ebneten“ und dabei helfen, energetische Barrieren zu überwinden, selbst aber diskret im Hintergrund blieben. Fürstner, der nun am selben Institut forscht wie der Namenspatron des ihm verliehenen Preises, zeigte sich durch die Verleihung tief geehrt und schloss seine Anmerkungen mit seiner Motivation zu forschen, die in einem Zitat von Karl Ziegler begründet ist: Es mache unbändigen Spaß, etwas entdeckt zu haben, was noch Niemandem vorher bekannt war.

 

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