Legal Highs: Der legale Rausch

Seit Jahren steigt die Zahl neu identifizierter Suchtstoffe (sog. "Legal Highs") an. Bis solche Stoffe gesetzlich kontrolliert und die Abgabe reguliert oder verboten werden können, bedarf es jedoch einer Vielzahl notwendiger Nachweise, die sich für Regulierungsbehörden, Laboratorien und Hersteller von Referenzmaterialien als schwierig erweisen, da zuverlässige Daten innerhalb eines kurzen Zeitraums zur Verfügung stehen müssen. Daher ist ein proaktiver Ansatz erforderlich.


Kontrolle
Bevor geprüft werden kann, ob ein legaler Suchtstoff reguliert werden sollte, muss zunächst eine fundierte Wissensbasis über den Stoff vorliegen. Für neuartige Verbindungen fehlt es jedoch häufig an veröffentlichter Literatur und die von Anwendern bereitgestellten Informationen sind von Natur aus unzuverlässig. Diese Situation wird durch uneinheitliche Zusammensetzung weiter kompliziert. Um die durch eine bestimmte Substanz verursachte Wirkung korrekt beurteilen zu können, sind analytisch bestätigte Fallstudien von größter Bedeutung. Laboratorien, die diese Analysen vornehmen, und auch indirekt die Regulierungsbehörden, sind dabei auf die Verfügbarkeit von zertifiziertem Referenzmaterial angewiesen. Hersteller von Referenzstandards müssen deshalb einen proaktiven Ansatz wählen, um den Bedarf an diesem neuen Material rechtzeitig zu decken. Die Websites von Anbieter von Legal Highs müssen sorgfältig beobachtet werden, um künftige Trends vorwegzunehmen und den Nachfragen der Labore nach neuem Referenzmaterial gerecht zu werden.


Eine ständige Herausforderung
Neue Legal Highs stellen für forensisch-medizinische Wissenschaftler und klinische und forensische Toxikologen eine besondere analytische Herausforderung dar. Referenzmaterial muss ihnen vor Gericht zuverlässige Daten und Werte liefern sowie Symptome, möglicherweise sogar die Todesursache, einem bestimmten Stoff korrekt zuordnen können. Immer wichtiger wird dabei auch die Verwendung von zertifiziertem Referenzmaterial, das gemäß den Akkreditierungssystemen ISO /IEC 17025 und ISO Guide 34 hergestellt wird. Vor allem bei neuen legalen Suchtstoffen steht dieses Referenzmaterial aber oft nicht zur Verfügung.


Mit zunehmender Anzahl der legalen Suchtstoffe - derzeit werden mehr als 50 neue Substanzen dieser Art pro Jahr bekannt - wird es auch für die Hersteller von Referenzmaterial immer wichtiger, mit den aktuellen Entwicklungen auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Diese Situation wird dadurch erschwert, dass eine Vielfalt von Referenzmaterialien erstellt werden muss, die den Anforderungen verschiedener Analysetypen gerecht wird (wie z. B. Ausgangswirkstoff, seine Metaboliten und Konjugaten sowie seine deuterierten Formen). Undeuterierte Ausgangswirkstoffe können vergleichsweise einfach produziert werden, jedoch ist die Synthese von deuterierten Metaboliten und Konjugaten deutlich kostenintensiver und zeitaufwändiger.


Referenzmaterial kann aus unterschiedlichen Quellen wie von speziellen Referenzmaterialanbietern, Chemikalienlieferanten und aus von Strafverfolgungsbehörden beschlagnahmtem Material stammen. Wenn kein korrekt charakterisiertes Referenzmaterial verfügbar ist, können Laboratorien mit Zugang zu geeigneten Analysetechniken, wie hochauflösende Massenspektrometrie (HR-MS), Infrarot- (IR) und Kernspinresonanzspektroskopie (NMR), kommerziell erhältliche Stoffe oder beschlagnahmtes Material intern identifizieren. Eine solche Selbstzertifizierung von Stoffen ist allerdings nicht ideal. Sie verlangt einen erheblichen Aufwand und analytisches Know-how. Außerdem wird die Verwendung dieses Materials nur zur Identifizierung empfohlen. Für quantitative Analysen sind Laboratorien in zunehmendem Maße auf Hersteller angewiesen, die zertifiziertes Referenzmaterial bereitstellen können.


Das kommerzielle Chaos
Kommerzielle Referenzmaterialhersteller müssen sicherstellen, dass der Verkauf eines neuen Materials ausreicht, zumindest die Produktionskosten zu amortisieren. Daher warten Unternehmen in der Regel, bis eine ausreichende Nachfrage vorhanden ist, bevor die Produktion in Angriff genommen wird. Leider verlangen Laboratorien Referenzmaterial in der Regel erst dann, wenn es für ihre Aufgaben benötigt wird. Dies führt zu langen Lieferzeiten des Referenzmaterials, in der Analysten eine Substanz nicht formal identifizieren können, da kein vollständig charakterisiertes Referenzmaterial vorliegt.


Legal Highs stellen ein besonderes Problem dar, da sie plötzlich auf den Markt kommen und ebenso plötzlich wieder verschwinden. Dies bedeutet, dass sich die Hersteller von Referenzmaterialien nicht auf langfristige Umsätze verlassen können, über die sie ihre Produktionskosten wieder einspielen. Hier wären staatliche Finanzspritzen erforderlich, um die Produktion von neuem Material zu fördern. Auf diese Weise kann sowohl die erforderliche Forschung zur Erfassung von Daten sichergestellt und, wenn Stoffe reguliert werden, die Strafverfolgung unterstützt werden.


Schnelle Reaktion
Der herkömmliche, eher langsame, reaktive Ansatz bei der Erstellung von Referenzmaterial reicht für neue psychoaktive Substanzen nicht aus. Referenzmaterialhersteller müssen eng mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten, um notwendigen Informationen zu erhalten; sie müssen auf den Websites der Anbieter von Legal Highs und in Online-Diskussionsforen für Betäubungsmittel recherchieren, um die Nachfrage nach Referenzmaterial für neue legale Suchtstoffe vorwegzunehmen. Sie sollten außerdem die Zusammenarbeit mit anderen Herstellern und die Koordination ihrer Produktion in Erwägung ziehen. So kann vermieden werden, dass mehrere Hersteller am gleichen Material arbeiten und möglicherweise andere Ziele vernachlässigen. Durch diese proaktiven Ansätze kann Referenzmaterial für neue legale Suchtstoffe zeitnah zur Verfügung stehen.


Die Vorzüge dieses Ansatzes lagen bei Methoxetamin (Abb.1a), einem angeblich „harnblasenfreundlichen" Äquivalent für Ketamin (Abb.1b) auf der Hand. In Großbritannien hat der zunehmende Freizeitkonsum von Ketamin dazu geführt, dass Ketamin als reguliertes Betäubungsmittel eingestuft wurde. Die proaktive Überwachung der Websites der Anbieter von Legal Highs brachten Chats über die potenziell problematische Entwicklung von Methoxetamin zutage, ein Stoff, der von seiner chemischen Struktur Ketamin ähnelt, zu der Zeit aber eine legale Alternative dargestellt hätte. Man ging von einer schnellen Zunahme beim Methoxetamin-Konsum aus und begann umgehend mit der Produktion von Referenzmaterial. Auf diese Weise konnte das Referenzmaterial so rechtzeitig bereitgestellt werden, dass bei zunehmender Beliebtheit der Substanz beschlagnahmtes Material direkt identifiziert werden konnte.


Verfahren zur Erstellung von neuem Referenzmaterial
Referenzmaterial für einen neuen legalen Suchtstoff kann auf unterschiedliche Art und Weise produziert werden. In einigen Fällen ist das Ausgangsmaterial problemlos erhältlich, so dass eine einfache und kostengünstige Synthese vorgenommen werden kann. Alternativ kann der fertige Stoff auf dem „grauen Markt" erworben oder aus beschlagnahmtem Material der Zoll- oder Polizeibehörden zur Verfügung gestellt und in Referenzmaterial umgestaltet werden. Allerdings ist die Verwendung nicht regulierter Quellen problematisch. Die Inhaltsstoffe und Reinheit von Material, das auf dem grauen Markt beschafft wurde, können nicht sichergestellt werden und von Charge zu Charge recht unterschiedlich ausfallen. Um hochwertige Referenzstandards zu erreichen, sind daher umfangreiche Reinigungsarbeiten erforderlich. Gelegentlich werden dabei auch pharmazeutische Produkte charakterisiert oder Metaboliten, die für Toxikologen von Interesse sind. In diesen Fällen können vorhandenen Standards zur Qualitätskontrolle von pharmazeutischen Produkten, die bereits eingestuft und zertifiziert wurden, eine hilfreiche zusätzliche Quelle von Referenzmaterial darstellen.


Schlussfolgerung
Die Identifizierung und Ermittlung von neuen psychoaktiven Materialien wie Methoxetamin stellt nach wie vor eine Herausforderung für Analysten, Hersteller von Referenzmaterial und gesetzgebende Gremien dar, und es sind mehrere Ansätze erforderlich, um dem Bedarf forensischer und toxikologischer Laboratorien gerecht zu werden. Durch die Wahl eines proaktiven Ansatzes zur Identifizierung künftiger Anforderungen für neues Referenzmaterial, im Dialog mit Anwendern sowie nationalen und internationalen Behörden zur Festlegung von Prioritäten und durch die Koordinierung der Produktion können Hersteller schneller auf die sich ständig verändernden Trends im Drogenkonsum reagieren und Laboratorien Referenzmaterial zu einem früheren Zeitpunkt im Lebenszyklus legaler Suchtstoffe bereitstellen.

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