12.02.2020
NewsInterviews

Interview: „Ganz oder gar nicht“

  • Jan-Christoph Wolf (links) und Thomas Wolf (rechts), PlasmionJan-Christoph Wolf (links) und Thomas Wolf (rechts), Plasmion

Nur wenige Erfindungen oder Ideen münden tatsächlich in der Gründung eines Unternehmens, denn die Gefahr, zu scheitern, ist groß. Welche Erfahrungen er auf diesem mitunter steinigen Weg gemacht hat und was er denjenigen rät, die mit dem Gedanken eines eigenen Start-ups spielen, haben wir Jan-Christoph Wolf, Geschäftsführer von Plasmion, gefragt.

 

GIT: Während Ihres Post-docs an der ETH Zürich haben Sie an besonders sanften Ionisierungsmethoden mittels kaltem Plasma für die Massenspektrometrie gearbeitet. An welchem Punkt kamen Sie zu der Überzeugung, dass sich diese Technik auch vermarkten können wird?
J. Wolf: Der entscheidende Hinweis auf die Vermarktbarkeit wurde mir während meiner Zeit in Zürich durch meine Arbeitskollegen geliefert. Obwohl die ETH sehr gut ausgestattet ist und die Kollegen den neuesten Stand der Technik zur Verfügung hatten, wurde ich häufig darauf angesprochen, dass sie meine Technik auch für ihre Anwendungen, Geräte und Forschungsgebiete ausprobieren wollen. Hier wurden für mich die Vorteile und insbesondere die Vielseitigkeit der Technologie sichtbar. Die Einfachheit der Sicrit-Technik, welche sich für den Nutzer bei gleicher bzw. besserer Performance in einer signifikanten Aufwandsersparnis widerspiegelt, war hier meines Erachtens der Treiber.
GIT: Was waren die größten Hürden, die Sie im Zuge der Unternehmensgründung nehmen mussten?
J. Wolf: Die Gründung einer Firma ist an sich relativ einfach: Notartermin, Konto eröffnen, Geld einzahlen und ein Gewerbe anmelden. Das Schwierige dabei ist jedoch die strategische Planung sowie die initiale Finanzierung. Diese lief bei uns teilweise über ein sogenanntes Exist-Stipendium, welches per se eine sehr gute Finanzierungsmöglichkeit für Start-ups darstellt, die jedoch auch erstmal beantragt und genehmigt werden muss. Das hat wohl die meiste Zeit in Anspruch genommen. Auch der administrative Aufwand sowie die juristischen Fallstricke waren große Hürden, die es bei der Gründung zu überwinden galt.
GIT: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass Ihnen mit Ihrem Start-up der Durchbruch gelungen ist?
J. Wolf: Wann ist einem der Durchbruch gelungen? Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten. Ja, wir haben steigende Nachfrage und Umsätze, wir haben zufriedene Kunden und wir expandieren international, aber ein einzelner Moment für einen vermeintlichen Durchbruch lässt sich nicht festmachen. Es gab aber durchaus Situationen, in denen man merkte, dass man etwas Besonderes geschafft hat. Zum Beispiel wenn ein alter japanischer Professor, eine absolute Koryphäe auf seinem Gebiet, auf einer Konferenz kurzerhand unser Produktposter „kapert“ und allen seinen Kollegen und Studenten stundenlang begeistert lieber unsere Technik vorstellt, als an seinem Poster direkt daneben seine eigene Forschung zu erklären.
GIT: Gab es auch ein Ereignis, das Sie am Erfolg Ihres Unternehmens zweifeln lies?
J. Wolf: Ehrlich gesagt nicht nur eines. Aber ich denke, das kennt jedes Start-up. Es gibt einfach Zeiten, da fühlt man sich wie Don Quijote mit seinem Kampf gegen die Windmühlen. Insbesondere auch die Unsicherheit, mit der man sich tagtäglich auseinandersetzen muss, lässt einen manchmal zweifeln. Auch wenn getroffene Entscheidungen in der Retrospektive logisch und stringent erscheinen mögen, so ist zum Zeitpunkt der Entscheidung oft nicht klar ersichtlich, was richtig oder falsch ist. Aber wenn man sich auf neuen Wegen befindet, dann sind diese eben nicht ausgeschildert.
GIT: Haben Sie einen Ratschlag für diejenigen, die planen bzw. mit dem Gedanken spielen, im Anschluss an ihre wissenschaftliche Laufbahn ein Start-up zu gründen? Was war der wertvollste (oder auch der schlechteste) Tipp, den Sie damals bekommen haben?
J. Wolf: Ich kann jedem, der mit dem Gedanken spielt ein Start-up zu gründen, nur raten den Schritt zu wagen. Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nie, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der wertvollste Tipp, den ich je bekommen habe, war: „Ganz oder gar nicht“. Das muss einem auch wirklich klar sein, wenn man so etwas startet. Der schlechteste Tipp: „Mach es so wie wir“, denn es gibt kein Universalrezept für ein Start-up…
GIT: Was ist aus Ihrer Sicht aktuell die größte technologische Herausforderung, vor der die Massenspektrometrie steht?
J. Wolf: Im Labormarkt ist Massenspektrometrie eine etablierte Standardmethode. Die Herausforderung ist es, Kosten und Größe eines Massenspektrometers soweit zu reduzieren, dass die Technologie ihr großes Potenzial auch in anderen Bereichen besser entfalten kann und sich auch über die Grenzen des Labors hinaus als Standardmethode etabliert.
GIT: Besonders im Gebiet der biologischen und medizinischen Forschung haben die Weiterentwicklungen massenspektrome­trischer Methoden zu großen Fortschritten geführt. In welchem Bereich sehen Sie für diese zukünftig das größte Potential?
J. Wolf: Neben der Medizintechnik, Stichwort Atemanalytik, birgt der Bereich der industriellen Prozesskontrolle meines Erachtens großes Potential. Das umfasst insbesondere die Lebensmittelindustrie, welche aufgrund zunehmender Regulierungen sowie Produktfälschungen auf umfassende und sehr sensitive Kontrollen, am besten direkt vor Ort, angewiesen ist.
 
Das Interview führte Christina Poggel, Chefredakteurin der GIT Labor-Fachzeitschrift
 
 
Weiterführende Information zur Sicrit-Technologie
 
Die Sicrit-Technologie ist eine neuartige sanfte Kaltplasma-Ionisations-Technik, welche die Ionisation von der Probenzufuhr entkoppelt. Dadurch lässt sich jedes LC-Massenspektrometer in eine „elektronische Nase“ verwandeln, mit denen Proben ohne jede Probenahme direkt und in Echtzeit analysiert werden können.
 
 
Vita
 
Jan-Christoph Wolf hat von 2003 - 2009 Chemie an der Technischen Universität München studiert und sich auf Organische und Analytische Chemie spezialisiert. Ab 2010 promovierte er an der TUM am Lehrstuhl für Analytische Chemie unter der Leitung von Professor Reinhard Niessner im Bereich Aerosolmesstechnik und Massenspektrometrie. Nach seinem Abschluss 2013 forschte er im Rahmen eines zweijährigen Postdocs an der ETH Zürich bei Prof. Renato Zenobi an verschiedenen neuen Ionisationsmethoden zur Detektion chemischer Kampfstoffe. Im Jahr 2016 gründete Jan Wolf dann zusammen mit seinem Bruder Thomas Wolf die Plasmion und ist seitdem als Geschäftsführer tätig. Neben dem ehrenamtlichen Mentoring für Promovierende und Studenten ist er auch weiterhin in verschiedenen universitären Forschungsprojekten als wissenschaftlicher Berater aktiv.
 
 
Kontakt 

Jan-Christoph Wolf
Geschäftsführer
Plasmion GmbH
Augsburg, Deutschland
info@plasmion.de

 

Kontaktieren

Jetzt registrieren!

Die neusten Informationen direkt per Newsletter.

To prevent automated spam submissions leave this field empty.