Eine Branche hält, was sie sich vornimmt

Aktuelle Bestandsaufnahme und Ausblick in der Biotechnologie

  • Dr. Viola Bronsema, Geschäftsführerin BIO Deutschland e.V.Dr. Viola Bronsema, Geschäftsführerin BIO Deutschland e.V.
  • Dr. Viola Bronsema, Geschäftsführerin BIO Deutschland e.V.
  • Abb. 1: Anzahl der Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland und ihre Mitarbeiter, verteilt nach Bundesländern. Quelle: biotechnologie.de
  • Abb. 2: Auch 2010 sollen weitere Arbeitsplätze geschaffen werden (n = 216)
  • Abb. 3: Firmen werden optimistischer (n = 216)

Die Ergebnisse der Branchen-Umfrage [1] sagten für das vergangene Jahr einen leichten Beschäftigtenzuwachs und keine Abnahme der Investitionen für Forschung und Entwicklung (F&E) voraus. Diese Prognose bestätigte sich laut Veröffentlichungen von Daten im 2. Quartal dieses Jahres: nicht nur ist 2009 die Zahl der Biotech-Unternehmen von 501 auf 531 gestiegen (siehe Abb. 1), auch die Anzahl der Beschäftigten verzeichnete im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von 5 % von 30.000 auf 31.600 im vergangenen Jahr. Beim Umsatz konnten die Unternehmen auf dem Höhepunkt der Krise den Kurs halten und wie im Vorjahr 2,2 Mrd. € erwirtschaften. Auch Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) blieben 2009 mit 1,1 Mrd. € auf dem Niveau von 2008.

Bleibt zu hoffen, dass Prognose-Ergebnisse der Ende 2009 durchgeführten Befragung der Biotech- Unternehmerinnen und -Unternehmer auch eintreten: Annähernd die Hälfte der deutschen Biotech-Unternehmer (47 %) glaubt, dass sich die zukünftige Geschäftslage günstiger darstellen wird. Gleichzeitig sank der Anteil der Pessimisten, die davon ausgehen, dass sich ihre wirtschaftliche Lage verschlechtern wird, von 18 % im vergangenen auf nur noch 7 % im laufenden Jahr. Die Einschätzung ihrer aktuellen Lage ist im Vergleich zum Vorjahr in den Unternehmen stabil geblieben. Den Umfrageergebnissen zufolge wird sich der Personalaufbau weiter beschleunigen: 55,6 % der Firmen gaben an, wieder Einstellungen vornehmen zu wollen (siehe Abb. 2). Die Biotech-Unternehmen werden in ihrer Zukunftserwartung positiver. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil der Optimisten von 33 % auf 47 %. Gleichzeitig schrumpfte die Gruppe der Pessimisten von 18 % im Vorjahr auf nur noch 7 % in diesem Jahr (siehe Abb. 3).

Diese heiteren Branchen-Aussichten werden allerdings durch das sich seit Jahren stetig ausbreitende Finanzierungstief getrübt. Die Eigenkapital-Investitionen (auch Venture Capital oder VC genannt) in die deutsche Biotechnologie haben sich seit Mitte dieses Jahrzehnts stetig verringert. 2005 konnten die Biotech-Firmen mehr als 420 Mio. € einwerben. Hinzu kamen 96 Mio. € über Börsengänge und mehr als 60 Mio. €. über Kapitalerhöhungen. 2008 und 2009 wagte hingegen kein weiteres Biotech-Unternehmen den Gang aufs Parkett.

2009 konnten lediglich 264 Mio. € an VC und Privatkapital über die Börse eingeworben werden. Das bremst die Weiterentwicklung der Branche stark. Gerade sie, die bahnbrechende Innovationen für die Verbesserung der Arzneimittelversorgung, für die Nahrungs- und Futtermittelindustrie sowie für sauberere und umweltschonende Industrieprozesse liefert, ist auf die Finanzierung der langen F&E-Zeiten durch Eigenkapital angewiesen. Da innovative kleine und mittlere Biotech-Unternehmen (KMU) für die Entwicklung der Produktkandidaten kaum Kredite erhalten, ist die Bereitstellung von VC dafür unverzichtbar.

Um diesen Zustand zu ändern, braucht es dringend nicht nur den politischen Willen, sondern auch seine rasche Umsetzung in Taten. Derzeit sieht es nicht so aus, als ob der innovative Mittelstand damit rechnen könnte. Die Bundesregierung hat sich zwar zum Ziel gesetzt, die Rahmenbedingungen speziell für innovative Unternehmen zu verbessern, eine deutliche Umsetzung ist jedoch bislang nicht erkennbar und neue, zusätzliche Fördermaßnahmen, die speziell das Segment der innovativen Gründungen adressieren, sind derzeit nicht geplant.

Immerhin räumt die große Koalition in ihrer Antwort weiter ein, dass es Handlungsbedarf zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für privates Wagnis- und Beteiligungskapital gibt. Denn der in der vergangenen Legislaturperiode unternommene Versuch, die Kapitalzufuhr von VC in junge, innovative Unternehmen durch das Gesetz zur Modernisierung der Rahmenbedingungen für Kapitalbeteiligungen (MoRaKG) und insbesondere durch die Einführung eines Wagniskapitalbeteiligungsgesetzes (WKBG) zu erleichtern, ist an den beihilferechtlichen Bedenken der EU-Kommission kläglich gescheitert.
Die Bundesregierung hält es aber trotz dieser Zustände für sinnvoll, die Prüfung von - für die Biotech-Branche dringend notwendigen - Anpassungen der Rahmenbedingungen zurück zu stellen, bis Brüssel die derzeit beratene Richtlinie zur einheitlichen Regulierung alternativer Investmentfondsmanager (AIFM-Richtlinie) verabschiedet [2].
Nach einem ersten Entwurf von 2009 ist das ambitionierte Ziel dieser neuen Richtlinie leider gescheitert. Aufgrund von Differenzen zwischen dem Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat wurde die Abstimmung auf September verschoben. Deutschland wird dann nach dem Inkrafttreten der Richtlinie voraussichtlich zwei Jahre Zeit haben, sie in nationales Recht umzusetzen.

Auch die Einführung der von der Expertenkommission empfohlenen steuerlichen Förderung von F&E-Aktivitäten, wird sich weiterhin verzögern.
Die im Wachstumsbeschleunigungsgesetz, mit denen mittelständische Unternehmen in der Krise steuerlich entlastet werden sollten und die speziell vielen durch VC finanzierten Biotech-Firmen zugute kamen, scheinen ebenfalls am Einspruch der EU-Kommission zu scheitern. Durch die Unternehmensteuerreform 2008 wurde der bisherige Verlustvortrag (sog. Mantelkauf) eingeschränkt, was zu einer steuerlichen Diskriminierung innovativ arbeitender KMU führte. Bei einem Erwerb von 25 - 50 % durch ein anderes Unternehmen entfällt der Verlustabzug demnach anteilig bzw. bei einem Erwerb von mehr als 50 % vollständig. Um auf die Finanz- und Wirtschaftskrise adäquat zu reagieren, wurde dann das sog. Sanierungsprivileg eingefügt. Dadurch sollten Verlustvorträge ausnahmsweise im Rahmen von Sanierungen unter besonderen Voraussetzungen erhalten bleiben können. Damit wurde die erwähnte Benachteiligung innovativer KMU zum Teil gemildert.

Mitte Februar erhob jedoch die EU-Kommission Bedenken gegen diese Regelung, da sie hierin eine (weitere) unzulässige Beihilfe sieht. Sie leitete daraufhin ein förmliches Prüfverfahren ein. Das Bundesfinanzministerium (BMF) reagierte dazu Ende April mit einem Nichtanwendungserlass. In diesem wird bestimmt, dass die Sanierungsklausel bis zum Abschluss des förmlichen Prüfverfahrens der EU-Kommission nicht mehr anzuwenden sei und entsprechende Steuerbescheide unter dem Vorbehalt der Nachprüfung zu ergehen haben. Im Falle einer Negativentscheidung durch die EU-Kommission könnten die durch das Sanierungsprivileg entstandenen Steuervorteile als rechtswidrige Beihilfe von den Empfängern zurückgefordert werden.
Die deutsche Biotech-Branche hat bislang gezeigt, dass sie imstande ist, sich auch ohne innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu behaupten. Um sich allerdings einen Platz an der Weltspitze zu sichern, benötigen die Unternehmen dringend ein besseres Geschäftsklima, damit sie im globalen Wettbewerb nicht übervorteilt werden. Denn bereits jetzt profitieren Biotech-Unternehmen anderer Länder von besseren Konditionen: 2008 hatten bereits 21 der 27 OECD-Staaten F&E-Förderungsmechanismen eingeführt. In den USA kostet eine Patentanmeldung etwa EUR 2.000. Für die europäische Patentanmeldung müssen Innovatoren etwa das Zehnfache davon bezahlen.

Es sind die Innovationen aus dem Mittelstand, die neue Produkte schaffen und qualifizierte Arbeitsplätze sichern helfen. Die Biotech-Branche Deutschlands arbeitet jetzt schon an nebenwirkungsärmeren Medikamenten, sauberen, CO2-neutraleren Produktionsprozessen und optimierten landwirtschaftlichen Produkten sowie gesünderen Nahrungsmitteln. Darüber hinaus schafft sie nachhaltig hochqualifizierte, Standort gebundene Arbeitsplätze. Diese Unternehmen leisten somit einen wichtigen und nachhaltigen Beitrag zur zukunftsfähigen Wirtschaftskraft Deutschlands und Europas. Daher fordert BIO Deutschland, bei der Erarbeitung neuer Spitzentechnologien betreffende Regelungswerke frühzeitig die direkt davon Betroffenen (Unternehmerinnen und Unternehmer sowie die Wissenschaft) an einen Tisch zu holen und so den aktuellen Kenntnisstand für nachhaltige Gesetze zu berücksichtigen.

Referenzen


[1] Transkript und Bio Deutschland


[2] www.afm.de

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BIO Deutschland
Tegeler Weg 33
10589 Berlin
Telefon: +49 30 264840 87
Telefax: +49 30 264840 88

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