22.03.2018
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Mantas im Müll

Eintauchen in ein Meer aus Plastik

Nicht nur Umweltforscher fürchten die Konsequenzen menschlicher Einflüsse auf die Tier- und Pflanzenwelt in den Ozeanen, sondern auch Hobbytauchern bereiten Korallenbleiche und Artensterben Bauchschmerzen. Durch diese unschönen Vorkommnisse wird ihr Erlebnis unter Wasser deutlich beeinträchtigt. Wie das hier gezeigte Video des britischen Tauchers Richard Horner jetzt zeigt, kann vor der Küste Balis stattdessen eine neue Attraktion bestaunt werden [1]. Es sind Plastikbeutel, Plastikbecher, Plastikflaschen, die sich in dem beliebten Tauchrevier unter Fischschwärme mischen.

Bilder verschmutzter Meere und Strände, an Kunststoffteilen erstickender Tiere und in Getränkedosen hausender Einsiedlerkrebse sind besonders medienwirksam – sie sind aber nur ein sichtbarer Teil dessen, was nach bisherigen Vermutungen in den Weltmeeren schlummert. In einer Studie auf Basis von 24 Expeditionen mit Probenentnahmen an der Wasseroberfläche werden die Mengen Mikro- (0.33-4.75 mm), Meso- (4.75-200 mm) und Makroplastiks (>200 mm), die allein an der Oberfläche der Weltmeere treiben, auf ein Gesamtgewicht von etwa 250.000 Tonnen geschätzt [2]. Die Autoren beurteilen ihre Hochrechnungen als höchst konservativ, denn diese Menge entspricht gerade einmal 0.1% der weltweiten Kunststoffproduktion im Jahr 2012. Wie Untersuchungen aus dem Jahr 2001 im Nordpazifik zeigten, ist die Masse an in Proben aus verschiedenen Meerestiefen gefundenen Plastiks um bis zu sieben Mal höher als die des im Meerwasser vorkommenden Planktons [3]. Eine Studie aus dem Jahr 2015 geht von einem jährlichen Eintrag von 4.8 bis 12.7 Millionentonnen Kunststoffmüll aus [4].
Wie groß die tatsächliche Kunststoffmenge ist und an welchen Orten sich die Partikel befinden, ist weiterhin unklar. In jedem Fall sind die angespülten Mengen Plastikmülls vor den Küsten und an Stränden nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich bereits jetzt den Ozeanen zugeführt worden ist.

In Anbetracht des Tauchvideos liegt die Vermutung nahe, dass die Schuld für diese gigantische und in ihren Folgen unabsehbare Umweltverschmutzung bei den Hauptverursachern von Plastikmüll wie China und Indonesien zu suchen ist. Tatsächlich ist die Kombination einer gigantischen Pro-Kopf-Produktion von 700 Gramm Müll am Tag mit einem nicht funktionierenden Entsorgungssystem in Indonesien fatal [5].

Im sauberen Deutschland kann man darüber nur den Kopf schütteln, besonders nach der Einschränkung des Gebrauchs von Plastiktüten. Was bleibt uns also anderes übrig als gute Ratschläge und Entsetzen in Richtung dieser (vermeintlich) schwarzen Schafe unseres blauen Planeten zu schicken?

Ein Blick in die im letzten Jahr veröffentlichte Studie der Weltnaturschutzorganisation sollte uns daran erinnern, dass auch unser Lebensstil maßgeblich zum Plastikeintrag in die Umwelt beiträgt [6]. Gemäß dieser Veröffentlichung liegt der Gewichtsanteil primären Mikroplastiks in Ozeanen zwischen 15 und 31% und ist damit deutlich größer als bislang angenommen. Die größten Beiträge stammen dabei mit 35% aus Textilien und 27% aus Autoreifen, wohingegen Mikroplastik aus Kosmetikprodukten nur für 2% der Gesamtmasse verantwortlich ist. Durch den Kauf und das häufige Waschen synthetischer Materialien und den Reifenabrieb bei der täglichen Fahrt mit dem Auto tragen wir also signifikant zur Verschmutzung unserer Gewässer mit Kunststoffpartikeln, Nebenprodukten der Plastikproduktion und Additiven bei. Es ist ein weiterer Grund, den Individualverkehr und unseren Konsum im Allgemeinen zu überdenken.

Dennoch: Ein Großteil der im Rahmen vieler Untersuchungen gefundener Kunststoffpartikel stellt sekundäres Mikroplastik dar, das durch mechanische oder chemische Zersetzung überwiegend aus Polypropylen und Polyethylen (dabei besonders LDPE, low density polyethylene) entsteht [7]. Wir brauchen Konzepte wie ein Pfandsystem in Kombination mit einer Steuer für Kunststoffe, die auch in den ärmsten Ländern der Welt umgesetzt werden können. Wo drastische Bilder oder geringfügige finanzielle Anreize nicht genügen, können auch symbolische Maßnahmen helfen. So geschehen in Kenia, wo der Besitz von oder Handel mit Plastiktüten seit August 2017 verboten ist und mit bis zu vierjähriger Haft und Geldbußen in Höhe von umgerechnet etwa 32.000 € bestraft wird [8]. Damit erhalten Kunststoffe den gefühlten Status einer gefährlichen Substanz – eine Einstufung, die einige Wissenschaftler sogar politisch durchsetzen wollen [9].

Derartige Maßnahmen bergen das Risiko, gerade das Gegenteil zu bewirken; sie können das Gefühl bei uns Verbrauchern schaffen, mit dem Verzicht auf eine Materialklasse bereits einen hinreichend großen Beitrag zum Umweltschutz geleistet zu haben. Aber dieses zu erreichen ist weitaus unbequemer, als vor dem Einkauf an eine Baumwolltasche denken zu müssen. Vielleicht hilft ein Video wie das des britischen Tauchers dabei, beim Warten auf einen verspäteten Zug im tiefsten Winter (statt im Stau zu stehen) etwas weniger Unmut zu empfinden.

Autorin:

Dr. Christina Poggel, Redakteurin

Referenzen:

[1] Youtube-Kanal des Tauchers Richard Horner: https://www.youtube.com/watch?v=AWgfOND2y68&feature=youtu.be, letzter Zugriff am 22.03.2018.

[2] M. Eriksen, L. C. M. Lebreton, H. S. Carson, M. Thiel, C. J. Moore, J. C. Borerro, F. Galgani, P. G. Ryan, J. Reisser: Plastic Pollution in the World's Oceans: More than 5 Trillion Plastic Pieces Weighing over 250,000 Tons Afloat at Sea, PloS one 2014, 9, 111913; DOI: 10.1371/journal.pone.0111913.

[3] C. Moore, S. Moore, M. Leecaster, S. Weisberg: A comparison of plastic and plankton in the north Pacific central gyre, Marine Pollution Bulletin 2001, 42, 1297; DOI: 10.1016/S0025-326X(01)00114-X.

[4] Jenna R. Jambeck, Roland Geyer, Chris Wilcox, Theodore R. Siegler, Miriam Perryman, Anthony Andrady, Ramani Narayan, Kara Lavender Law: Plastic waste inputs from land into the ocean, Science 2015, 347, 768-771; DOI: 10.1126/science.1260352.

[5] Indonesiens Umwelt- und Forstwirtschaftsminister zu Müllentsorgungsproblemen im Land: http://www.thejakartapost.com/news/2015/10/09/indonesia-state-waste-emergency.html, letzter Zugriff am 22.03.2018.

[6] J. Boucher, D. Friot, Primary microplastics in the oceans, IUCN Publication 2017; ISBN: 978-2-8317-1827-9.

[7] J. G. Derraik: The pollution of the marine environment by plastic debris: a review, Marine Pollution Bulletin 2002, 44, 842; DOI: 10.1016/S0025-326X(02)00220-5.

[8] Rheinische Post Online, http://www.rp-online.de/panorama/ausland/verbot-in-kenia-32000-euro-strafe-fuer-plastiktueten-nutzer-aid-1.7040605, zuletzt abgerufen am 22.03.2018.

[9] Chelsea M. Rochman, Mark Anthony Browne, Benjamin S. Halpern, Brian T. Hentschel, Eunha Hoh, Hrissi K. Karapanagioti, Lorena M. Rios-Mendoza, Hideshige Takada, Swee The, Richard C. Thompson: Policy: Classify plastic waste as hazardous, Nature 494, 169171; DOI: 10.1038/494169a.

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